Dr. Friedhart Knolle

Woher kommt die hohe Arsenbelastung der Oderaue
im ehem. Landkreis Osterode am Harz?

Seit Jahren beunruhigt eine erhöhte Belastung der Böden in Teilbereichen der Oderaue die Menschen – neben den bekannten erhöhten Schwermetallgehalten für Blei, Cadmium und Zink wurde zusätzlich ein erhöhter Arsengehalt im Boden festgestellt, siehe dazu die Informationen auf www.landkreis-osterode.de – von dort stammt auch die Abb. 1. Hiervon betroffen sind Grundstücke in Bad Lauterberg, Barbis, Scharzfeld, Pöhlde und Hattorf am Harz.


Abb. 1: Arsen-Verbreitungsgebiete im Bereich der Oderaue im ehem. Landkreis Osterode am Harz;
Quelle www.landkreis-osterode.de

Auf Grund dieser erhöhten Arsenwerte in der Oderaue hatte der Landkreis Osterode am Harz gemeinsam mit dem Niedersächsischen Landesgesundheitsamt den Einwohnern vornehmlich der beprobten Grundstücke ein Humanbiomonitoring angeboten, um zu klären, ob Arsen in erhöhter und ggf. gesundheitlich relevanter Menge aufgenommen wurde (www.landkreis-osterode.de). Die Untersuchung startete im Sommer 2012, untersucht wurde der Arsengehalt im Urin. Dieses vom Umweltbundesamt empfohlene Screeningverfahren diente dazu, eine erste Gefährdungseinschätzung vorzunehmen. Insgesamt 97 Urinproben, davon 16 Kontrollproben von Menschen, die nicht in der Oderaue leben, wurden untersucht. Im arbeitsmedizinischen Bereich wurde von der MAK-Kommission, die Grenzwerte für den Arbeitsplatz vorschlägt, ein „Biologischer Leitwert“ (BLW) in Höhe von 50 µg/l für anorganisches Arsen und methylierte Metabolite im Urin festgelegt. Dieser Wert wird von keiner der untersuchten Proben erreicht. Alle Teilnehmer wurden über ihre Messergebnisse informiert. Die Messergebnisse von neun der untersuchten Proben liegen über dem Referenzwert von 15 µg/l. Der Referenzwert gibt an, mit welcher Konzentration eines Stoffes bei 95 % der Bevölkerung normalerweise zu rechnen ist, und beschreibt die unvermeidbare Hintergrundbelastung der Allgemeinbevölkerung durch diese Substanz. Sie kann zusätzlich durch Alter, Geschlecht oder individuelle Lebensgewohnheiten beeinflusst werden. So kann auf der Basis dieses Wertes abgeschätzt werden, ob im Einzelfall eine zusätzliche Belastung gegenüber einem Schadstoff, am Arbeitsplatz oder aus der Umwelt, vorliegt. Diese und weitere 6 in der Nähe unterhalb des Referenzwertes liegende Proben hat man auf die toxikologisch bedeutsamen Arsenverbindungen Arsenobetain (organisches Arsen), Dimethylarsinsäure, Arsen III, Monomethylarsonsäure und Arsen V (anorganisch) untersucht. Der Anteil der anorganischen Spezies ist gering. Es lässt sich nicht zurückverfolgen, welche Anteile welcher Arsenspezies aus dem Boden eines bewohnten Grundstücks stammen. Erhöhte Messwerte von Bodenproben spiegeln sich bei den Probanden nicht in erhöhten Messwerten im Urin. Es ist daher anzunehmen, dass das Arsen aus anderen Umweltquellen stammt. Keiner der Probanden, die auf belasteten Grundstücken leben, weist Messwerte oberhalb des Referenzwerts auf. Zusammengefasst ergeben sich aus den bisher vorliegenden Befunden keine Hinweise darauf, dass ein Leben in der Oderaue zu einer erhöhten Arsenaufnahme führt. Trotzdem sollten sich alle Harzer bewusst sein, dass die Böden hier Schadstoffe verschiedener Art in unterschiedlichen, teils sehr hohen Mengen enthalten, und dass daher die Empfehlungen zum Umgang mit diesen Böden beachtet werden sollten; Informationen dazu sind auf www.landkreis-osterode.de und auch www.landkreis-goslar.de nachzulesen.

Woher stammen diese hohen Arsenwerte in Gebieten wie Pöhlde oder Hattorf, in denen die natürlich vorkommenden Gesteine keine geogen erhöhten Arsengehalte aufweisen und in denen niemals Bergbau auf arsenhaltige Erze stattfand? Schon ein Blick auf die Verbreitungskarte weist darauf hin, dass die Belastung mit dem Wasser die Oder herunterkam. Quelle der Belastung ist die frühere Silberhütte in Sankt Andreasberg.


Arsenikproduktion in der Sankt Andreasberger Silberhütte

Nach Ließmann (2003) erfolgte hier schon bald nach der Aufnahme des Sankt Andreasberger Silberbergbaus die Verhüttung der gewonnenen Erze. Diese weisen von Natur aus einen erhöhten Arsengehalt auf. Die Hütte befand sich an der Einmündung des Wäschegrundbachs in die Sperrlutter – so stand hier genügend Wasserkraft zum Antrieb der Hüttenmaschinen zur Verfügung. Nicht nur die hier arbeitenden Hüttenleute wurden stark mit Emissionen belastet. Schon in alten Überlieferungen ist von massiven Belästigungen durch den giftigen, arsenhaltigen Hüttenrauch die Rede, der bei ungünstiger Wetterlage bis in die Stadt zog und die dort lebenden Menschen zeitweise in die Flucht trieb.

Die erste Schmelzhütte ist an dieser Lokalität um 1550 urkundlich belegt. Zu Beginn des 30jährigen Kriegs wurde die Hütte verkauft und abgebrochen. Nach dem erneuten Aufblühen des Silberbergbaus in den 1680er Jahren erfolgte der Neubau eines größeren Hüttenbetriebs, der – mehrfach umgebaut und erweitert – bis 1912 in Betrieb stand.

1836 gestattete das zuständige Bergamt den Bau eines gesonderten Arsenikwerks auf dem Gelände der Silberhütte. Neben dem weißen Giftmehl wurde auch Arsenikglas hergestellt. Der Umgang mit dem staubfeinen Gift war sehr problematisch. Die Hüttenarbeiter wurden nur mit einem feuchten Tuch vor dem Gesicht in die Rauchfänge zum Ausfegen des Arsens geschickt – und ohne Sonderprämie war kaum ein Arbeiter dazu bereit. Ein zeitgenössischer Bericht des Hüttenmeisters Seidensticker teilt mit: „Das produzierte Giftmehl kann nicht gewogen werden, weil dies unverhältnismäßig hohe Kosten verursachen und die Gesundheit der Arbeiter mehr gefährden würde, als die übrige Arsenikarbeit zusammen genommen.“

1912 wurde die Hütte geschlossen. Nach Ließmann (2003) dürften hier während der Zeit der Arsenikgewinnung, d. h. zwischen 1838 und etwa 1885, zwischen 700 und 800 t Arsenikmehl hergestellt worden sein.


Abb. 2: Blick auf den Nachfolgebetrieb der Silberhütte; undatiert, etwa 1920er Jahre


Anbau- und Verzehrempfehlungen des Landkreises Goslar

Die in Silberhütte lebenden Bürger wurden über die Gesundheitsgefahren dieses Standortes niemals explizit informiert, wie der Autor dieser Zeilen in zahlreichen Gesprächen erfuhr. Stets waren die Bürgerinnen und Bürger überrascht, wenn man ihnen Informationen zu den Gefahren des Standorts mitteilte. Und dies, obwohl der Landkreis Goslar durchaus Informationen liefert. In den Anbau- und Verzehrempfehlungen des Landkreises Goslar (Landkreis Goslar 2005) findet sich nachfolgende Tabelle (Angaben in mg/kg Trockenboden).

In den Böden dieses Gebiets befinden sich noch weitere kritische Metalle, so z. B. Antimon (Hauchecorne 1867).


Belastung von Wildfleisch

2004 hat eine Untersuchung des Niedersächsischen Landesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) zu Schwermetallbelastungen in Rot- und Rehwild im Bereich Silberhütte hohe Konzentrationen an Blei und Cadmium in den Speicherorganen Leber und Niere und z. T. auch in der Muskulatur festgestellt. Die Rückstände an Arsen, Antimon und Quecksilber in Muskulatur und Organen waren jedoch nur gering. Die Gehalte an Cadmium in den Organen überschreiten die Rückstandsmengen der Kontaminanten-Verordnung der EU z. T. erheblich. Diese Verordnung gilt jedoch nicht für Fleisch und essbares Gewebe von Wild. Der Untersuchungsbericht liegt u. a. in den Forstämtern Lauterberg und Riefensbeek.


Teilsanierung der Landesforsten

Das Niedersächsische Forstamt Lauterberg ließ 2005 rund 6.000 t belasteten Sonderabfalls vom Gelände oberhalb der Silberhütte entsorgen – aus dem Hüttenbetrieb stammendes Haldenmaterial und belastete Böden sowie Rückstände von Rauchgaskanälen und Schornsteinen. Die Materialien waren hoch mit Arsen und Schwermetallen belastet. Die Bauten waren nach Stilllegung der Hütte einfach zerstört worden und vor Ort geblieben. Untersuchungen des Areals ergaben, dass das Gebiet saniert werden musste. Bagger trugen das belastete Material ab. Anschließend wurde das ausgekofferte Areal mit unbelastetem Boden abgedeckt und eine lockere Schicht Bergwiesenheu ausgebreitet, um eine Wiederaufforstung vorzubereiten. Der Landkreis Goslar als Genehmigungsbehörde und das Niedersächsische Forstamt Lauterberg als Flächeneigentümer trafen mit dieser Sanierung auch Vorsorge für den Gewässerschutz im geplanten Wasserschutzgebiet „Pöhlder Becken“. Am Sanierungsprojekt beteiligt waren Hans-Jürgen Kreuzkam vom Wegebaustützpunkt im Forstamt Lauterberg, Hubertus Mahn und Johannes Thiery vom Forstamt Clausthal. Forstamtsleiter Dr. Hubertus Köhler freute sich, dass die Gesamtkosten auf 640.000 Euro gedrückt werden konnten; veranschlagt waren 1,1 Mio. Euro (Rudolph 2005).


Abb. 3: Die bei der Teilsanierung 2005 an der Silberhütte beteiligten Arbeiter mussten
Schutzanzüge und Staubschutzmasken tragen; Foto Niedersächsische Landesforsten


Krankheitsfälle in Silberhütte

Zwei gesundheitlich betroffene Bürgerinnen teilten dem Autor schriftlich sinngemäß mit: „Wir recherchieren zur Zeit darüber, in welchem Zusammenhang die nicht unerhebliche Bodenbelastung durch Schwermetalle mit den Krebserkrankungen der früheren Bewohner von Silberhütte stehen. Wir haben zwischen 1965 und 1976 mit unseren Eltern dort gelebt. Zur damaligen Zeit lebten etwa 30  Personen dort. Unsere Eltern hatten "natürlich" einen Garten mit Blatt- und Wurzelgemüse, hielten auch Tiere und wir sammelten und aßen viele Pilze. … Es gab damals vier Fälle von Mammakarzinom, einen Fall von Hautkrebs mit starker Metastasenbildung und einen Fall von MS – soweit  mir bekannt. Warum wurden die Bewohner der kontaminierten Gebiete nicht rechtzeitig über die Gefahren der Altlasten informiert?“.


Literatur und Quellen

Hauchecorne, W. (1867): Über eine Reihe von krystallisirten Hüttenprodukten von der Andreasberger Silberhütte. – Ztsch. Dt. Geol. Ges. 19(1): 11-12
Knolle, F. (2001): Die Metallwerke Silberhütte – ein ehemaliger Rüstungsstandort in St. Andreasberg. – Unser Harz 49(2):25-28
Knolle, F. (2003): NS-Rüstungsbetriebe in der Bergbaufolgelandschaft Sperrluttertal: die Metallwerke Silberhütte, Schmiedag und Odertal. – Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Jahr 2004:48-57
Knolle, F. (2003): Grundlagen der Landschaftsinterpretation: Auf den Spuren der NS-Rüstung in der Bergbaufolgelandschaft des Sperrluttertals im Harz. – ZELTSchriften 2(2):9-12
Knolle, F. (2007): NS-Rüstungsbetriebe in der Region Sankt Andreasberg – Bergbaufolgeindustrie 1933 – 1945. – Glückauf - Mitteilungsbl. Sankt Andreasberger Verein Geschichte u. Altertumskde. u. Förderverein Gewerkschaft Grube Roter Bär 59:10-19, Sankt Andreasberg
Knolle, F. & Rutsch, A. (2000): Die Metallwerke Silberhütte – Sankt Andreasberg war von 1934 - 1945 kriegswichtiger Rüstungs- und Zwangsarbeitsstandort. – Manuskriptdr., 6 S., Sankt Andreasberg
Landkreis Goslar (2005): Hinweise und Empfehlungen zur Bearbeitung und Nutzung schwermetallkontaminierter Gartenböden. Anbau- und Verzehrempfehlungen. – Gesundheitsamt Landkreis Goslar, Stand 1/2005 https://www.landkreis-goslar.de/media/custom/62_4891_1.PDF?1255140654
Ließmann, W. (2003): Giftmehl aus dem Oberharz – Zur Produktion von Arsenik auf der St. Andreasberger Silberhütte im 19. Jahrhundert. In: Schlegel, B., Hrsg.: Industrie und Mensch in Südniedersachsen – vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. – Schriftenreihe AG Südniedersächsischer Heimatfreunde 16, Mecke Druck und Verlag, Duderstadt
Rudolph, M. (2005): Lauterberg beseitigt Arsen. – Waldinformation Oktober 2005, Niedersächsische Landesforsten, Braunschweig
www.landkreis-goslar.de
www.landkreis-osterode.de


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