Abb. 1. Stauffenburg, Ausschnitt aus Merians Stich von 1654

Rüdiger Trinks

DIE STAUFFENBURG BEI GITTELDE AM HARZ

Vorwort

Auf der Verfolgung der Spuren des Hoffräuleins Eva von Trott, der Geliebten Heinrichs des Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel, gerät man zwangsläufig zu den Resten der am nordwestlichen Harzrand zwischen den Gemeinden Gittelde und Münchehof gelegenen Stauffenburg.
Dieses Liebesverhältnis zwischen dem Herzog Heinrich d. J. und besagter Eva von Trott aus Hessen, Dame am Hof zu Wolfenbüttel, ist wohl das Ereignis, welches die Burg über die Grenzen des Herzogtums hinaus bekannt werden ließ. Um nämlich die Fortsetzung dieser Liebschaft vor der Welt zu verbergen, wurde in Gandersheim ein Scheinbegräbnis der auf einer Reise angeblich erkrankten und an der Pest verstorbenen Eva arrangiert. Während in Gandersheim eine Puppe zu Grabe getragen wurde, erfreute sich Eva in ihrem Versteck, der Stauffenburg, bester Gesundheit und gebar in den Jahren 1532-1541 dem Herzog weitere Kinder. Erst als 1541 die makabere Komödie des Scheinbegräbnisses aufgedeckt wurde, und sich Kaiser, Kirche und sogar Martin Luther heftig gegen den Herzog stellten, ließ er Eva auf die festere Liebenburg bringen.
Erklimmt man heute den stufenweise (daher der Name ursprünglich Stufenburg) ansteigenden Berg, auf dessen Gipfel das einstige "Liebesnest" mitten in tiefer Waldeinsamkeit liegt, so erblickt der Besucher von der ehemaligen Anlage nur noch spärliche Reste. Neben einem kaum noch über die Geröllhalde hinausragenden halbrunden Torturm und Resten der östlichen Umfassungsmauer bis hin zur Südostecke ist es die untere Arkade des einstigen Bergfrieds, die das Augenmerk des Besuchers auf sich zieht. Ist die Enttäuschung des Wanderers groß in Anbetracht der wenigen Steine, die sichtbar verblieben sind, so offenbart sich dem fachkundigen Beobachter, insbesondere in schneefreien Wintern bei günstigem Sonnenstand, ein Bodenbild, das noch an vielen Stellen den Verlauf der Grundmauern ahnen läßt. Dies nun war sicher der Anstoß für mehrere Autoren, sich in der Erstellung eines Grundrisses zu versuchen.
Da über die genauere Bebauung aber keine Einzelheiten überliefert sind, soll hier der Grundriß in der Weise ergänzt und berichtigt werden, wie er sich nach Anlegen einiger Suchgräben darstellt. — Doch sei zuvor ein kurzer geschichtlicher Abriß gegeben.
Der Ursprung der Burg, an derem Fuß sich die Harzrandstraße von Nordhausen kommend über Seesen nach Braunschweig als einst bedeutende Handels- und Heerstraße entlangwindet, liegt im Dunkeln. Der Sage nach eine Gründung des Königs Heinrich I., ein Flurstück nahe der Burg, der Heinrichswinkel, wird gern mit Heinrichs Vogelherd identifiziert, ist doch die Annahme wahrscheinlicher, daß es sich bei der Burg um eine Gründung der Grafen von Katlenburg in der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts handelt.
1130 wird erstmals ein Gerbertus de Stoupnenburch als Zeuge in einer Urkunde Kaiser Lothars III. genannt. 1106 nach Aussterben des Katlenburger Geschlechts war nämlich das Katlenburger Erbe an Richenza, die Erbtochter der Northeimer Grafen, gekommen, die mit Lothar III. verheiratet war. 1140 gelingt es Hermann von Winzenburg, Landgraf von Thüringen, sich der Burg zu bemächtigen. 1152, nach Ermordung dieses Grafen, kämpft Heinrich der Löwe um die Katlenburger Erbschaft. Nachdem er den Nachweis erbringen kann, Nachkomme Graf Udos von Katlenburg zu sein, wird ihm die Burg 1158 von Kaiser Barbarossa zugesprochen. Die von nun an bezeugten Burgmannen sind offenkundig Vasallen Heinrichs des Löwen.
1180 verliert der Welfenherzog während seines Streites mit Kaiser Barbarossa seine Besitzungen. 1193 erneuert Heinrich VI. zwar die bereits von Barbarossa vorgenommene Schenkung der Burg an das Erzstift Magdeburg, doch kann dieses auf Dauer seine Besitzrechte nicht durchsetzen, denn 1203 fällt die Burg bei der Teilung der Besitzungen unter den Söhnen Heinrichs des Löwen an Otto IV., den "Gegenkaiser" der Staufer.
In den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts treten Mitglieder einer Familie von Wolfenbüttel, zunächst als Reichstruchsessen Ottos IV. und später nach Wechsel zur staufischen Partei Truchsesse Friedrichs II., als Inhaber der Burg auf. Noch 1254 bezeichnet ein Angehöriger dieser Familie, ein "Guncelinus de Stoyphenborg", die Burg als "castrum nostrum". Herzog Albrecht der Große bereitet diesem Treiben in welfischen Landen ein Ende.
1258 geht die Stauffenburg wieder in "rein" welfischen Besitz über, und zwar durch Erbteilung zunächst an die Göttinger Linie, 1442 endgültig an die Wolfenbüttler Linie. Wie viele unserer Burgen war sie in diesem Zeitraum hauptsächlich Pfandobjekt. Hier soll auf die Nennung der oft verwirrenden Pfand- und Vertragsabschlüsse verzichtet werden. Offenbar waren aber unter den Pfandbesitzern nicht immer solide Herren, denn Rechnungen der Stadt Hildesheim von 1381-1397 beweisen, daß man auf der Stauffenburg dem einträglichen Geschäft der Raubritterei nachging. Dieses änderte sich, als die Stauffenburg 1495 Elisabeth, der Gemahlin Herzog Wilhelms des Jüngeren von Wolfenbüttel, als Altensitz zugeschrieben wurde.
Diese Elisabeth, geb. Gräfin von Stolberg-Wernigerode, nahm 1503-1522 hier ihren Witwensitz. Durch Förderung des Erzbergbaues und des Hüttenwesens in Bad Grund und Gittelde entstand eine wirtschaftliche Blütezeit. Ihre Fürsorge für die Armen sowie zahlreiche Klostergründungen brachten ihr den Beinamen "Mutter der Kirche, Gönnerin der Geistlichen und Trost der Armen" ein.
Von 1532-1541 benutzte, wie zu Beginn erwähnt, ihr Enkel Heinrich der Jüngere von Wolfenbüttel die Burg als Versteck für seine Geliebte Eva von Trott. 1569-1580 diente die Burg der Schwester Herzog Julius, die mit dem Herzog von Münsterberg eine unglückliche Ehe eingegangen war, als Ruhesitz. Herzog Julius, erster protestantischer Herrscher im Hause Wolfenbüttel, verbannte 1587 die von ihm eingesetzte erste protestantische Äbtissin von Gandersheim Margarethe von Warberg auf die Burg, da sie der Tötung eines mit ihrem Stiftsverwalter erzeugten Kindes verdächtigt wurde.
Im 30jährigen Krieg wird die Burg nicht zerstört. Sie dient vielmehr durchziehenden Heerscharen als Aufenthalt. Offenbar ist nur der Paß der Stauffenburg, nicht mehr die Burg selbst, von strategischem Wert. So versucht am Vorabend der Schlacht von Lutter am Barenberg, dem 26. 8. 1626, der Hauptmann Adam Freiherr von Hademann den Paß zu sperren, um dem Heer des Dänenkönigs die Absetzung auf die Festung Wolfenbüttel zu ermöglichen. Schnelle Tillysche Kavallerie vereitelt diesen Versuch.
Nach dem 30jährigen Krieg dient die Burg einem Amtmann als Wohnung. Den Weg hinauf zur Burg an den Gerichtstagen empfindet man bald als zu beschwerlich, und 1713 wird auf dem östlichen Vorwerk der Burg, dem Wirtschaftshof Lichtenhagen, heute Domäne Stauffenburg, ein neues Amtshaus errichtet. Hierzu werden bereits Gebäude der Burg als Steinbruch verwendet. Dennoch verbleibt das Gefängnis auf der Burg, bis man auch dieses 1778 hinunterverlegt.
Die Burg verfällt immer stärker und dient als Steinbruch. Anfang des 19. Jh. muß der Bergfried eingerissen werden. In den Jahren 1870-1890 wird das Burgterrain vom Geröll befreit, offenbar teilweise eingeebnet und neben den umliegenden Weiden auch der innere Bering aufgeforstet. Der Harzverein errichtet 1890 eine Schutzhütte. Die Reste der Ruine werden bis zum zweiten Weltkrieg Begegnungsstätte bei Sängertreffen und anderen Veranstaltungen. Wege und Gelände verwachsen immer stärker. 1972 säubert man den einstigen Burgweg und bezieht die Ruine als Wanderziel in das Wegenetz des Harzclubs mit ein. 1975 wird eine Sichtschneise in den Wald geschlagen, die Ausblick auf Gittelde und Osterode zuläßt. Alle oberirdischen Ruinenteile befinden sich heute in ärgstem Verfallszustand.

Abb. 2. Stauffenburg, Fortsetzung (heruntergebrochen) der gefundenen Mauer im südlichen "Graben" bis an das Fundament des Bergfrieds; links Bogen des Bergfrieds

Beschreibung der Anlage
und interessante Beobachtungen

Begibt man sich von der alten Thüringer Heer- und Handelsstraße, die zwischen Gittelde und Münchehof die Gipfel eines aufgelösten Höhenzuges des Vorharzes durchschneidet, auf den Anstieg zur 346 m hoch gelegenen Stauffenburg, so trifft man am alten Burgweg bereits nach etwa 50 m auf eine brunnenartig eingefaßte Quelle. Ob dieser Brunnen, obwohl schon nahe unter der Burg gelegen, so doch dem direkten Zugang der Burgbesatzung bei Belagerung entzogen, der Frischwasserversorgung gedient hat, läßt sich nicht eindeutig klären. Über das Vorhandensein eines Brunnens im Bering der Burg fehlt jede Nachricht. Allerdings wird ein eigenes Brauhaus auf der Burg erwähnt, welches einen Zugang zu einer Frischwasserversorgung im Burgbereich erwarten läßt.
An dieser Quelle vorbei windet sich nun der Burgweg von Westen her den Kalksteinkegel hinauf. Er führt vor dem Eintritt in den eigentlichen Burgbezirk an einem durch einen halsgrabenähnlichen Einschnitt von der Hauptburg getrennten Vorberg vorbei, den heute die Eva-Linde krönt. Anzunehmen ist, daß dieser Vorberg Verteidigungszwecken gedient hat. An diesem rechts neben dem Burgberg liegenden Vorberg weiter steigt der Weg nochmals schwellenartig an, als habe sich hier der Durchlaß durch ein Vortor befunden.


Abb. 3. Grundriß der Stauffenburg

Über einen kleinen Vorplatz hinweg kann man nun, geradewegs am halbrunden Flankierungsturm vorbei, auf das Tor der Hauptburg zu gehen oder aber rechts durch den halsgrabenähnlichen Einschnitt zwischen Hauptburg und Vorberg hindurch eine die gesamte Burg umziehende Vorterrasse betreten.
Findet man bei vielen Höhenburgen des Vorharzlandes gewöhnlich Wallanlagen, die der Hauptburg vorgelagert sind, so fehlen diese bei der Stauffenburg. An ihre Stelle tritt diese 10-20 m breite Terrasse, die den von ihr aus noch einmal steil ansteigenden Bergkegel, an dessen Abhang die Umfassungsmauern einst teilweise weit hinausgerückt waren, umschließt. Auf dem Stich von Merian aus dem Jahre 1654, der die Ostansicht der Burg wiedergibt, erkennt man diese Terrasse, die hangabwärts von einer "Mauer" mit kleinen Stützpfeilern umgeben ist. Ob es sich hier tatsächlich um eine 1654 bereits im Verfall befindliche Mauer, wie man aus der Andeutung von Stützpfeilern annehmen könnte, handelt, oder aber ob nur eine Palisadenumwehrung vorhanden war, hat die Phantasie verschiedener Autoren beschäftigt. So findet man auf Zeichnungen nach dem Stich von Merian verschiedene Interpretationen. Sie reichen von einer Feldsteinmauer mit Stützpfeilern über reine Holzbohlenumzäunung bis hin zur wohlgefügten abgedeckten Mauer. Eine Grabung an der Südostecke der Terrasse ließ nach Forträumung einigen Gerölls zwar kein sauberes Bekleidungsmauerstück, so doch wohl vermörteltes Futtermauerwerk erscheinen. Damit dürfte es sich in der Tat bei Merian wohl um eine steinerne Umwehrung handeln.

Abb. 4. Stauffenburg, weißlicher "Fußboden", zum Abhang hin eingebrochen.

Auf der Terrasse bemerkt man ferner an der Südwestecke und auch an der Südostecke schmale Bodenerhöhungen, die vom Gipfel des Berges als Verlängerung der Stützpfeiler der Umfassungsmauer der oberen Burganlage beginnend, den steilen Hang hinunterverlaufen und die Terrasse durchschneiden. Desgleichen befinden sich zwei ringförmige Vertiefungen von 3 m bzw. 5 m Durchmesser auf der West- bzw. Südseite der Terrasse. Die Vermutung, daß es sich bei der ersten Rundung um einen Brunnen handeln könnte, wurde nach Anlegen eines Suchgrabens nicht bestätigt. Bis auf 1,50 m Tiefe konnten keinerlei Spuren von Mauerwerk nachgewiesen werden. Der Ring um die Vertiefung selbst bestand lediglich aus einer Anhäufung feinen Schuttes. Allerdings traten beim Durchforschen desselben größere Mengen metallischer Schlacke sowie handgeschmiedete Nägel zu Tage. Diese Funde, sowie die Strukturierung der zwingerartigen Terrasse, lassen eine zeitweise Bebauung derselben nicht ganz unmöglich erscheinen. Aufklärung hierüber kann nur eine Flächengrabung bringen.
Begeben wir uns nun auf die "Oberburg", die mit einer Länge von 85 m und einer Breite von bis zu 30 m den ganzen steil abgeböschten Bergkegel umschließt.
Das Eingangstor wird, wie schon erwähnt, von einem halbrunden an die Außenmauer angesetzten Turm flankiert. Seine drei "Schießscharten", der Größe nach sollen es Kanonenscharten sein, sind nach Westen auf den halsgraben-ähnlichen Einschnitt, nach Norden auf den kleinen Vorplatz vor dem Burgtor und nach Osten hin seitlich auf das Eingangstor selbst gerichtet. Merkwürdigerweise liegen diese Öffnungen nur mannshoch über dem Boden und weisen auf Ziele, die nur wenige Meter entfernt gewesen wären. Zumal der Innendurchmesser des Turmes kaum die Aufstellung gleichzeitig dreier Kanonen gestattet hätte, möchte man vermuten, daß es sich nicht echt um Kanonenscharten, sondern eventuell um eine Erweiterung früherer Schlitzscharten handeln könnte.

Abb . 5. Stauffenburg, Detailansicht

Durchschreitet man nun die Stelle, an der Merian einen Torbogen gezeichnet hat, gelangt man auf einen hohlwegartigen, zum Burginnern hin leicht ansteigenden Weg. Zur Rechten erheben sich noch stark überwachsene 3 m hohe Reste von Gebäudemauern. Ein eingedrungener Gegner mußte hier, wie übrigens praktisch den gesamten Burgweg entlang, seine schildlose Seite den überhöht stehenden Verteidigern zukehren. Links hinter dem Tordurchgang bemerkt man Spuren eines halbrunden Gemäuers. Bei Merian erscheint dieser Bau allerdings mehr eckig und ist mit einem Pultdach versehen. An dieses Halbrund schließt sich die östliche äußere Umfassungsmauer an, zunächst aufgrund der räumlichen Enge nicht gleichzeitig als Außenmauer für Gebäude benutzt. Zu bemerken ist hier gegenüber an der rechten hohen Seite des Weges noch eine falzartige Abstufung im Mauerwerk. Es scheint fast, als hätte hier ein zweiter innerer Torbogen sich befunden. Fotos beweisen übrigens den Verfall dieser Stelle, vom gleichen Standpunkt des Beobachters aufgenommen, einmal aus dem Jahr 1931 und zum andern von 1975.
Je weiter man sich dem Burginnern nähert, desto breiter wird der zur Verfügung stehende Raum. An der östlichen Umfassungsmauer erkennt man bereits Mauerspuren, die zunächst als schmale Räume beginnend, sich bei Eintritt des Hohlweges nach ca. 25 m in den Burghof zu Räumen von 5-6 m Breite weiten. Noch bis zu zwei Meter ragen hier die Außenmauern mit Stützpfeilerresten empor. Sie waren gleichzeitig Unterbau für den von Merian wiedergegebenen Fachwerkaufsatz. Auf der ganzen Ostseite bis hin zur Südostecke sind bodennahe Mauerspuren ehemaliger Zimmerfluchten zu erkennen. Solche Reste fehlen auf der Südseite und der Südwestseite der Burg bis hin zum heruntergebrochenen Stumpf des weit an den westlichen Abhang hinausgeschobenen Bergfriedes ganz. Der Blick auf diesen Bereich ist auch bei Merian durch die hohen Ostgebäude verdeckt, hinter denen gerade noch der spitze gotische Schieferhelm des Bergfriedes hervorragt. Vom Bergfried an sind dann wieder deutliche Gebäudespuren mit Zimmereinteilung bis zur Nordostecke festzustellen. Einige Autoren vertreten mit Recht die Meinung, daß auch diese "leere" Süd- und Südwestseite bebaut gewesen sein dürfte, denn bei dem eng begrenzten Raum eines Berggipfels hätte sich wohl niemand den Luxus eines derart großen Burghofes geleistet. Nach Entfernen einiger Moose und Gräser tauchte tatsächlich ein gut vermörtelter Mauerzug auf. Im Gegensatz zum übrigen Kalksteinmauerwerk, das zwar hin und wider Einschlüsse rötlichen Sandsteins zeigt, besteht diese Mauer fast ganz aus Quadern eben dieses roten Sandsteines. Sie verläuft, ca. 35-45 cm stark, etwa von Süden auf die Hofseite des Bergfrieds zu, brach aber scheinbar zwei Meter vor diesem ab.
Der Bergfried soll nach Meinung von mehreren Autoren im Süden und Norden, aufgrund der zu erkennenden Erdvertiefungen, von Gräben umgeben gewesen sein, die ihn vom Burghof bzw. den angrenzenden Gebäuden trennten. Grabungen in diesen "Gräben" ergaben jedoch, daß das Mauerwerk sich in den Gräben fortsetzt. Zwar ist es hier stärker hangabwärts heruntergebrochen, doch läßt es sich bis an das Fundament des Bergfrieds verfolgen. Der Bergfried war somit zumindest in späterer Zeit mit in die Häuserflucht einbezogen und stand keineswegs isoliert. Wohlweislich, in Anbetracht des brüchigen Untergrundes, wählte man hier eine stumpfe Verbindung zwischen Bergfriedmauer und angrenzenden Gebäuden. Die Dicke der neu entdeckten Mauer ließ nun bei 35-45 cm kaum den Schluß zu, daß es sich hier um eine Außenmauer handeln würde. Obendrein zeigten Suchgräben der etwa 2,50 m vom heutigen Abhang hofeinwärts gelegenen Mauer einen weißlichen Estrichfußboden in 50 cm Tiefe, der aber bei Annäherung an die Hangkante abrupt abbrach.
Wo nun verlief die zugehörige Außenmauer? Von den verbliebenen Außenmauerspuren der Südostecke aus wurde der Verlauf der Außenmauer am Hang stückweise weiter verfolgt. Dabei konnten Grund- und Futtermauern nachgewiesen werden, die besagen, daß die einstige Außenmauer noch ca. 2,50-3 m am Westhang über den heutigen Rand des Abhanges hinausgeschoben gewesen sein mußte. Die Westfundamente des Bergfriedes gehen übrigens mit in die Außenmauerfundamente über. Er war also auch hier mit in die Mauerflucht einbezogen. Somit entstanden auf der ganzen Westseite Zimmer von ca. 5 m Breite. Überdies konnten, an dieser steilsten Partie der Burg, Steine aus den Fundamenten der Außenmauer gefunden werden, die die typischen Greiflöcher einer Mauerzange aufweisen. Offenbar hat man hier die Steinquader mit Hilfe dieses Werkzeuges am Hang hinuntergelassen, da ein Tragen wohl kaum mehr möglich war.
Nachdem eine Bebauung der Westseite in dieser Weise erkannt werden konnte, blieb die Frage nach der Südbebauung offen. Hierzu wurden Suchgräben vom Hof aus zur leicht ansteigenden Südseite der Burg angelegt. Dabei stellte sich heraus, daß der gesamte Burghof eine Pflasterung aufwies. Wieder etwa 5 m vor der Südkante des Abhanges riß die Pflasterung ab, und es kam eine Quermauer zum Vorschein. Nähere Untersuchungen zeigten, daß die Südseite in zwei Gebäude aufgeteilt gewesen sein muß, wobei das östliche eine erheblich dünnere hofseitige Mauer aufwies. Damit schließt sich der Bebauungsring der Burg.
Die Bebauung bildete also einen in sich geschlossenen Gebäudekreis. Jede nur hinreichend breit erscheinende Fläche war bebaut, und selbst durch stark hangseitiges Hinausrücken der Außenmauer, wie es die Westseite zeigt, schuf man sich den notwendigen Raum. Eine Nachricht nach dem 30jährigen Krieg besagt, daß eine Mauerpartie vom Einsturz bedroht sei und sofern nicht sofort Maßnahmen ergriffen werden, "würde das Haus offen stehen". Die andere Gesteinsart der gefundenen dünnen Westseitenmauer legt die Vermutung nahe, daß es sich bei dieser Nachricht wohl um diese besonders gefährdete Partie gehandelt haben könnte. — Damit läßt sich der bisherige Grundriß der Stauffenburg vervollständigen.

Abb. 6. Versuch einer Rekonstruktion der Stauffenburg um 1600.
Zeichnung Rüdiger Trinks 1976

Ausblick

Bei den hier angestellten Untersuchungen handelte es sich um oberflächennahe Versuchsgrabungen. Freilegung der, wie hier gezeigt, durchaus noch vorhandenen Grundmauern, Räumung der Zimmer vom Geröll und Feststellung der Nutzung der einzelnen Gebäudeteile kann nur im Rahmen einer Flächengrabung geschehen. Da ein derartiges Unterfangen Privatmittel weit übersteigen würde, bleibt es unwahrscheinlich, daß die "Geheimnisse" der Stauffenburg jemals geklärt werden. Vielmehr dürfte nach der Geschwindigkeit des heutigen Verfalls zu schließen, in wenigen Jahrzehnten nur noch der Name und eine bewaldete Bergkuppe von der einstigen Anlage künden.


Rüdiger Trinks, Liebenburg
Literatur

Bege, Geschichten einiger Burgen, 1844, S. 189-193
Günther, Der Harz, 1888, S. 382-391
Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Niedersachsen/ Bremen, 1969, S. 437-438
Kronenberg, Verfallene Ritterburgen um Gandersheim, 1962, S. 5-40
Merian, Topographie Braunschweig - Lüneburg, 1654
Schultz, Landkreis Gandersheim 1, S. 91-94
Stolberg, Befestigungsanlagen im und am Harz von der Frühgeschichte bis zur Neuzeit, 1968, S. 380-383
Vorträge des Harzclubs von 1900-1960 (Archiv der Marksburg über Braubach/Rhein sowie Archiv des Heimatmuseums Seesen/Harz)
Zander, Historische Streifzüge durch den Südwestharz, 1971, S. 76/77

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