Der Ernst-August-Stollen

Seit Anbeginn des Harzer Bergbaus kostete es viel Mühe, die Gruben von eindringendem Grundwasser zu befreien. Schon bald nach Wiederaufnahme des Bergbaus zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts reichten die mechanischen Hilfsvorrichtungen zur Hebung des Grundwassers nicht mehr aus und man mußte zur Anlage von Abzugsstollen übergehen.

Im Jahre 1850 wurde der Beschluß gefaßt, einen neuen Stollen auf dem Schützenanger bei Gittelde anzusetzen und ihn von dort aus durch die Felder der Grube Hülfe Gottes und der übrigen Gruben des Silbernaaler Reviers nach dem Schacht der Grube Ernst August bei Wildemann und weiter am Haus Sachsener Schacht vorbei bis zum Schreibfeder Schacht der Grube Regenbogen bei Zellerfeld zu treiben.

Die Länge des Stollens vom Mundloch bis zum Schreibfeder Schacht sollte 5452 Lachter betragen und die Dauer der Bauarbeiten wurde auf 22 Jahre berechnet. Für die Kosten wurden 449419 Thaler veranschlagt.

Am 10. Februar 1851 wurde der definitive Plan vorgelegt und im Hinblick auf  die hohe Wichtigkeit für den ganzen Oberharzer Bergbau wurde der Wunsch geäußert, den Stollen nach dem König Ernst August zu benennen.

... Der erste Angriff geschah am 21. Juni 1851 mit Nachschießen eines bereits vorhandenen Querschlages am Schreibfeder Schachte. Indessen war erst im Frühjahr 1858 die Arbeit vor allen planmäßigen 12 Oertern im Gange. Der Ernst-August-Stollen ist demnach von 10 Punkten aus, mit 18 Oertern (9 Oertern und 9 Gegenoertern) betrieben worden. Auf seiner ganzen Länge hat er ein gleichmäßiges Fallen von 5/4 Zoll. Seine Dimensinen sind überall dieselben; bei einer Höhe von 1 5/16 Lachter hat er eine Weite von 7/8 Lachter (70 Lachterzoll), und zwar so, daß diese Weite 35 Zoll hoch über der Sohle beginnt und bis zu 70 Zoll Höhe mittelst saigerer Führung der Wangen beibehalten wird; oberhalb schließt sich die Firste im Halbkreise, unterhalb aber laufen die Wangen mit geringer Böschung zu, so daß in der Sohle 55 Zoll Weitung bleiben.

Am 4. December 1856 erfolgte der erste Durchschlag - zwischen dem Schreibfeder Schachte und dem 4. Regenbogener Querschlag - und in mehr oder weniger rascher Aufeinanderfolge reiheten sich ihm die übrigen Durchschläge an, bis mit dem letzten Durchschlage am 22. Juni 1864 das ganze Werk mit Ausnahme des Bockswieser Flügelorts vollendet dastandt.

Am 21. Juni 1851 war der erste Fäustelschlag geschehen; der ganze Stollenbau samt dem dazu erforderlichen Abteufen mehrerer Schächte und dem Herantrieb der Schachtquerschläge hatte also nur 12 Jahre und 11 Monate, nicht viel mehr als die Hälfte der ursprünglich veranschlagten Zeitdauer gewährt, obwohl die Mehrzahl der Oerter erst in den Jahren 1855 bis 1859, später als beim Anschlage abgenommen war, in Betrieb hatte genommen werden können. In Jener Zeit waren fast 1 3/4 deutsche Meilen aus dem festen Gestein herausgesprengt worden.

Um dieses Resultat zu erzielen, haben etwa 1 1/2 Millionen Löcher gebohrt und mit einem Aufwande von 2000 Centner Pulver weggeschossen werden müssen. Könnte man die Löcher aneinander reihen, so würde sich ihre Gesamtlänge zu 60 bis 70 deutschen Meilen ergeben.

Während der Bau des Stollens sich mehr und mehr seinem Ende näherte, schritt man dazu, ihm auch äußerlich den Abschluss durch Errichtung eines Portals am Mundloche bei Gittelde zu geben.

Inmitten freundlicher Anpflanzungen erhebt sich jetzt dort vor den letzten Ausläufern des Harzgebirges der Portalbau im alterthümlichen Style, mit Thürmen und Zinnen geschmückt, ein sichtbares Zeichen der Thatkraft und Beharrlichkeit des Harzer Bergmanns, ein Denkmal der Großartigkeit des Harzer Bergbaus selbst.


Durch die aus Eisen-Gitterwerk bestehende Eingangstür zum Stollen ist auf der Stirnmauer in der Portal-Nische folgende Inschrift in vergoldeten Buchstaben auf gußeisener Platte zu lesen:

ERNST AUGUST STOLLEN
DIE LÄNGE DESSELBEN VOM MUNDLOCH BIS ZUM SCHREIBFEDER SCHACHTE BEI ZELLERFELD, BETRÄGT 5432 LACHTER. ANGEFANGEN AM 21. JULI 1851 UND VOLLENDET AM 22. JUNI 1864.

DIE GANZE LÄNGE DES STOLLENS MIT EINSCHLUSS DER TIEFEN WASSERSTRECKE, DER FLÜGELÖRTER UND SCHACHTQUERSCHLÄGE
BETRÄGT 11819 LACHTER ODER 3 DEUTSCHE MEILEN. DER STOLLEN BRINGT AUF DER GRUBE 204 LACHTER ODER 1341 HANNOVERSCHE FUSS TEUFE EIN. DIE SOHLE DES MUNDLOCHS LIEGT 1296 FUSS UNTER DEM MARKTPLATZE ZU CLAUSTHAL UND 646 FUSS ÜBER DEM SPIEGEL DER NORDSEE.

GPS-Koordinaten
N 51.7958° E 10.1911°

Quellen:

LAHMEYER, Carl (1864): Der Ernst-August-Stollen am Harze. - Festschrift in Anlaß der Vollendung des Stollens am 22.Juni

Königl. Hann. Bergamts Assessor, Clausthal 1864
 


Grundriss des ERNST AUGUST STOLLENS



 

Der Dammgraben

Der Oberharzer Erzbergbau auf silberhaltigen Bleiglanz war auf die Ausnutzung der Wasserkraft angewiesen. Wasserräder von 8 - 12 m Ø trieben die Fördereinrichtungen und Pumpen an. Daher wurde mit dem Recht, Erze zu gewinnwen zugleich die erforderliche Wasserkraft verliehen. Um den ständigen Zufluß einer ausreichenden Menge von Betriebswassern auf die Clausthaler Hochfläche herbeizuführen, legten die Oberharzer Bergleute von 1732 - 1840 das ausgedehnte Dammgrabensystem an. der rund 15 km lange Dammgraben beginnt unterhalb von Torfhaus und verläuft zunächst an der NW-Flanke des Acker - Bruchberges bis zum Dammhaus. Dort überbrückt er auf der Krone des 1000 m langen Sperberhainer Dammes das Tränketal und verläuft weiter bis auf die Clausthaler Hochfläche. Ab 1892 wurden diese Wasser in einer Rohrleitung in den Kaiser-Wilhelm-Schacht in Clausthal eingeleitet und trieben in 364 m Tiefe im Niveau des Ernst-August-Stollen die Turbinen und Generatoren eines Kraftwerkes an, welches jährlich im Durchschnitt rund 25 Millionen kwh elektrische Kraft erzeugte, die den Betrieben der Preussag AG Metall zur Verfügung stand.

Danach flossen diese Wasser durch den Ernst-August-Stollen an dessen Mundloch in Gittelde zu Tage und gelangte über das Stromgebiet der Weser in die Nordsee. Seit dem 1.1.1975 stehen die Wasser des Dammgrabens und die bis dahin aus ihnen erzeugte elektrische Energie nicht mehr dem Bergbau zur Verfügung. Sie werden zum größten Teil unmittelbar in die Okertalsperre geleitet, um die Wasserversorgung im nördlichen Harzvorland sicherzustellen. Nur ein kleiner Teil der Dammgrabenwasser wird noch auf die Clausthaler Hochfläche geleitet und dient der Wasserversorgung der Bergstadt Clausthal Zellerfeld.