Die ev.-luth. St. Andreas-Kirche zu Harzungen

von

Reinhard Glaß, Niedersachswerfen
Dipl.-Ing. Barbara Kuhfahl, Harzungen (Kurzcharakteristik)


 

Harzungen

Harzungen ist eine der ältesten Ortschaften im Landkreis Nordhausen. Bis ca. 1540 hatte das Dorf einen eigenen (katholischen) Geistlichen.

Der frühere Harzunger Lehrer und Kantor Eisfeld notiert in seinen chronischen Aufzeichnungen aus den 1940iger Jahren, leider ohne Quellennachweis:

"Über unser Kirchlein berichtet eine Urkunde, in der es heißt, daß Harzungen schon in den Jahren um 1050 eine eigene Pfarre und Kirche hatte."

Nach der Einführung der Reformation kam Harzungen als Filial zu Neustadt. Gegenwärtig [2004] wird die ev.-luth. Gemeinde vom Pastor in Niedersachswerfen betreut.

In seiner 1817 veröffentlichten "Kirchen-, Pfarr- und Schul-Chronik" hält der Leimbacher Pastor Just Ludwig Günther Leopold (1761-1822) über Gesteinsvorkommen nahe Harzungen folgendes fest:
 

"Ohnfern (...) ist der schoenste Alabasterbruch zwischen Harzungen, Niedersachswerfen und Wiegersdorf in einem Feldholze. Er wurde 1736 und 37 entdeckt; Man hat mehrere Sorten, die unter dem Namen Harzunger-Alabaster bekannt sind und im Handel bis nach Berlin jetzt aber vorzueglich nach Leipzig gehen, wo sie hauptsaechlich von Tischlern zu Verzierungen gesucht werden. Die Sorten selbst sind: ein Fliegenstein; ein schneeweißer Alabaster; ein dergleichen theils mit starken, theils mit schwachen dunkelgrauen Spathadern, ein halbdurchsichtiger Spath-Alabaster mit hell-und dunkelrothen Flecken; ein dergleichen mit hell-und dunkelbraunrothen Wolken; noch ein dergleichen gelber, wie Bernstein durchsichtig mit Steinmark durchmischt. Alle diese werden jedoch nur Klumpenweise angetroffen; der weiße allein bricht in großen Stuecken oft von mehreren Centnern, so daß Bildsaeulen, Grabmahle, Fenster- und Kamin-Einfassungen davon verfertigt werden koennen. Am haeufigsten wird der ganz weiße, dem cararischen Marmor sehr nahe kommende zu Verzierungen an diejenigen Putzschraenke genommen die unter dem Namen Bureau und Secretaire bekannt sind.
 

Die Kirche

1. Kurzcharakteristik

Die zweischaligen Außenwände des Turmes (ca. 12Jh.) und des Kirchenschiffes bestehen hauptsächlich aus Porphyr und Kalkstein, teils auch aus Gips-und Anhydritgestein - jeweils lokale Gesteinsvorkommen.Vereinzelt finden sich im Mauerwerk auch Grauwacke, Sandstein und Ziegelsteinfragmente.
Die Wände sind in unregelmäßigem Schichtenmauerwerk aus Bruchsteinen ausgeführt, nur die Ecken des Turmes sind durch behauene Ecksteine (Nüxeier Dolomit) eingefasst. Das Mauerwerk des Turmes wurde sorgfältiger errichtet und ist - trotz seines gegenüber dem Kirchenschiff höheren Alters - in relativ gutem Zustand. Der mittlere Bereich der Süd-Längswand des Kirchengebäudes ist durch eine Mauerwerksvorlage verstärkt worden, die ein Abscheren der äußeren Schale verhindert. Es ist denkbar, dass diese Baumaßnahme 1756 im Zusammenhang mit dem Umbau des Turmes realisiert wurde.
Den Turm betritt man ebenerdig über eine an der Westseite angeordnete Tür. Diese wurde wohl nachträglich eingebaut, da sie mit Ziegelsteinen eingefasst ist.

 
Der Turmraum ist mit einem Bruchsteingewölbe überspannt, dessen Schalbretter sich noch im Mörtel abzeichnen. Im darüberliegenden Raum, der heute über das Treppenhaus im Kirchenschiff erreicht wird, befindet sich der Blasebalg der Orgel. 1756 erhielt der Turm sein heutiges Aussehen mittels Erhöhung durch einen oktogonalen Fachwerkkranz mit welscher Haube.
Schießscharten im Turm weisen darauf hin, dass die Einwohner im Mittelalter den Turm als Zuflucht vor feindlichen Angriffen nutzten. Seinerzeit war die Kirche mit einer meterhohen Mauer umgeben, deren Reste erst Anfang der 1930iger Jahre abgetragen wurden.
Bei dem Kirchenschiff, welches später an den Turm angebaut wurde, handelt es sich um eine einschiffige barocke Saalkirche mit Holztonne und einem eingezogenen, rechteckigen, vom Hauptschiff abgesetzten Altarraum. Zugang zur Kirche erlangt man über eine Tür an der Südseite, deren Laibungen mit behauenen Feldsteingewänden eingefasst sind.
Am 23. Juni 1756, vermerkt am Altar, wurde eine Gesamtrenovierung abgeschlossen. Diese Baumaßnahme erstreckte sich über innere und äußere Veränderungen. Zur barocken Innenausstattung zählen die Emporen, das Kirchengestühl, die Orgel und der Kanzelaltar.
Zeugnis einer schon in der Romanik
vorhandenen Kirche ist der Taufstein,
mit zylindrischem Fuß (verziert mit
einer Kordel) und zwölfseitiger Cuppa.
 
2. Orgel

Die Orgel wurde 1853 von dem Orgelbauer Knauf aus Bleicherode erbaut. Das Instrument hat folgende Disposition:
 
Manual
  • Quintatön 8'
  • Gedackt 8'
  • Principal 4'
  • Rohrflöte 4'
  • Octave 2'
  • Gemsquinte 1 1/3
  • Mixtur
  • Pedal
  • Principalbaß 8'
  • Subbaß 16'
  • Choralbaß 4'
    • Pedalkoppel
  •  
    3. Glocken

    Im Turm der Kirche befinden sich vier sehr alte und wertvolle Bronzeglocken.
    Das Geläut setzt sich wie folgt zusammen:

    Läuteglocke

    • Guß: 1499
    • Gießer: unbekannt
    • Ton: g
    • unterer Außendurchmesser: 102cm
    Die umlaufende gotische Inschrift lautet:
    Diese Glocke erklang früher auch als Feuer-und Sturmglocke, sowie bei feierlichen Gottesdiensten als Betglocke durch Anschlagen.

    Läuteglocke

    • Guß: 22. August 1759
    • Gießer: Johann Heinrich Brauhoff, Nordhausen/Harz
    • Ton: h
    • unterer Außendurchmesser: 86cm
     

    Die Glocke trägt zwei gegenüberliegende Inschriften im Blocksatz:

    ADIUVANTE DEO ME IN FORMAM REDEGIT
    IOHANNES HENRICUS BRAUHOFFIUS NORDHUSAE

    CAMPANA HAECCE RUPTA PRIORI SUMPTIBUS PUBLICIS IN NOVAM
    TRANSFUSA EST FORMAN MENSIS D.XXII AUGUSTI MDCLIX
    ERANT TUNC TEMPORIS M.G.H.ORTMANN INSPECTOR ET PAST.
    F.A.HYPEDEN PRAETOR.C.L.RUPSTEIN ACTUARIUS.A.B.OTTO CANTOR
    H.N.SIEPKE SCHULTETUS.A.WIEGAND.ET.M.ESPE MONITORES


    Die beiden Läuteglocken hängen im hölzernen Glockenstuhl
    und werden elektrisch betrieben.

    Vorläute und Beichtglocke

    • Gußjahr: 1515
    • Ton: fis
    • unterer Außendurchmesser: 53cm
    Diese Glocke hängt halb im und halb außerhalb des Turmes an einem einfachen hölzernen Joch. Die umlaufende Inschrift ist aufgrund der Aufhängung im Turm und der schlechten Zugänglichkeit nicht vollständig zu entziffern. Die Glocke ist nicht benutzbar.

    Schlagglocke der Turmuhr

    • Ton: f
    • unterer Außendurchmesser: 49cm
    • ohne Verzierungen oder Gußangaben
    Die Schlagglocke hängt in der Kirchturmspitze.

    4. Turmuhr

    Hersteller: VEB Spezialuhren Leipzig, Großuhren - Sportuhren, Nr. 6038/ 73. Der Herstellungsnummer zufolge wurde die Uhr vermutlich 1973 angeschafft bzw. installiert. Die Uhr wird elektromechanisch betrieben und schlägt zur halben und vollen Stunde.

    5. Zustand und Ausblick

    Durch große Schäden in den tragenden Holzkonstruktionen von Turm- und Kirchendach weist die Kirche in Harzungen bedenkliche statische Verschiebungen auf. Im Frühjahr 2004 mußten Kirchturm und Orgelempore des Gotteshauses gesperrt werden.
    Der Gemeindekirchenrat von Harzungen ist entschlossen, die Gesamtsanierung der Kirche voranzutreiben - eine Aufgabe, die weit über die finanzielle Leistungsfähigkeit der kleinen Kirchengemeinde hinausgeht. Es bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass die Kirche als Mittelpunkt des Dorfes vor dem Verfall gerettet werden kann.

    [ Detailaufnahmen vom Mauerwerk ]

    6. Quellen

    "Dorfchronik", verfasst vom ehem. Lehrer u. Kantor Eisfeld in den 1940iger Jahren, Bestand B6/111 (Kirchenkreisarchiv Niedergebra)

    Pfarrakten Harzungen, Bestand B6/124 (Kirchenkreisarchiv Niedergebra)

    DEHIO, G.: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Thüringen. 2. ergänzte Auflage. München [u.a.] 2003, S.563

    MITHOFF, H. WILHELM, H.: Kunstdenkmale und Alterthümer im Hannoverschen, 2.Band: Die Fürstenthümer Göttingen und Grubenhagen nebst dem hannoverschen Theile des Harzes und der Grafschaft Hohnstein. Hannover 1873, S.101

    LEOPOLD, J. L. G.: Kirchen-, Pfarr- und Schulchronik der Gemeinschafts-Aemter Heringen und Kelbra; der Grafschaft Hohnstein; der Stadt Nordhausen, und der Grafschaften Stolberg-Rosla und Stolberg-Stolberg seit der Reformation. Nordhausen 1817, S.172

    Fotos: Reinhard Glaß, Niedersachswerfen