Die ev.-luth. St. Nicolai-Kirche zu Krimderode

Reinhard Glaß, Niedersachswerfen

 
Die Kirche

1. Kurzcharakteristik
(zusammen mit Roland Schunke/Krimderode, freier Architekt)

Die Kirche gliedert sich in
a)einen aus Bruchsteinen gemauerten Turmsockel mit Fachwerkaufsatz mit ca. 60° geneigtem Satteldach mit Krüppelwalmen,
b)ein westseitig an den Turm angebautes Kirchenschiff aus Bruchsteinen mit Satteldach und Krüppelwalm,
c)einen Eingangsvorbau in Fachwerk mit Satteldach.

Turm
Der Turm steht - wie bei einigen anderen Kirchen der ehem. Grafschaft Hohnstein (Kreis Ilfeld) auch - an der Ostseite.
Die steinsichtigen Mauern des quadratischen Turmsockels (ca. 7,50m x 7,50m) bestehen aus Gips, Anhydrit, Kalkstein, Porphyr und Sandstein, die Eckquaderung aus behauenen Kalksteinen. Grundsätzlich wurde Branntgipsmörtel verwendet. Die Dicke der Mauern beträgt im Altarraumbereich ca 90-95cm. In dem darüberliegendem Zwischengeschoß verjüngen sich die Wände auf ca. 70 cm Stärke.
Außen fällt an der Südseite eine Wandvorwölbung auf. Hierbei handelt es sich wahrscheinlich um den Zugang zu einer ehemals im Turmbereich befindlichen Gruft. Laut den Krimderöder Kirchenbüchern sind die Pastoren Cyriacus Ambrosius (1651-1708) und dessen Nachfolger Heinrich Christoph Goldhahn (1669-1718) "in der Kirchen zur Erden bestattet".
Der Fachwerkaufsatz des Turmes wurde 1580 aus z.T. wiederverwendeten, bebeilten und unterschiedlich dimensionierten Eichenbalken errichtet. Die Gefache sind mit Ziegelresten und Bruchsteinen, außen fachwerkbündig glatt verputzt, unter Verwendung von Branntgipsmörtel ausgemauert. An der Südseite befinden sich zwei Schalluken, dazwischen das Zifferblatt der Turmuhr. Die westliche Turmwand und die Dachhaut sind vollständig verschiefert.
Der im Turmsockel befindliche Altarraum mit verputzter, sichtbarer Balkenlage öffnet sich mit großzügigem Triumphbogen zum Kirchenschiff. Die Innenwände sind verputzt, im Sockelbereich aber steinsichtig belassen. Bei umfangreichen Renovierungsarbeiten in den Jahren 1959/60 wurde das im Altarraum befindliche morsch gewordene Patronats- und Ältestengestühl abgebrochen. Der spätbarocke Kanzelaltar wurde erhalten.

Kirchenschiff
Die Außenwände wurden entsprechend dem Turmmauerwerk auf einem turmbündigen Grundriß von ca. 9,00m x. 7,50m errichtet.
Die Dacheindeckung besteht nordseitig aus Hohlpfannen, südseitig aus Doppelfalzziegeln. Der Westgiebel ist in Fachwerk abgebunden, mit Krüppelwalm. Der Fachwerkgiebel ist nachträglich mit Ziegeln behangen.
Bei den 2000/2001 erfolgten Sanierungsmaßnahmen am Mauerwerk der Kirche wurde das Umfassungsgewände des ehem. an der Südseite gelegenen Haupteinganges durch Verputzung des zugemauerten Türbereiches hervorgehoben.

Die westliche Eingangstür mit barocken, massiveichenen und profilierten Türstock trägt die Inschrift "Cum Deo 1765".
Im Schiff befindet sich die hufeisenförmige, bauernbarocke Holzempore mit geplatteten Brüstungspaneelen und vorgeblendeten Rocailleschnitzereien im Bereich der Längsriegel. Auf dem westlichen Emporenabschnitt steht die Orgel.
Beidseitig des Mittelganges sind die hölzernen Bankreihen angeordnet.

Die am westlichen Ende der nördlichen Bankreihe befindliche Sakristei war früher die Loge der Familie Jericho. Sie betrieb die an der Zorge befindliche Ellernmühle mit einer Bäckerei. Das direkt an der B4 gelegene stattliche Mühlengebäude ist durch jahrelangen Verfall inzwischen eine Ruine.
Vorbau

Der aus dem 18. oder 19. Jahrhundert stammende westliche Eingangsvorbau aus Eichenfachwerk ist auf einem Grundriß von ca. 3,30m x 3,25m errichtet.
Die Gefache sind mit Grauwacke als Sichtmauerwerk ausgemauert.
Das Satteldach ist mit "Biberschwänzen" gedeckt.


 

Aufnahme vom Tag der Einweihung am Sonntag Reminiscere 1932 (21.Februar), damals zugleich
Volkstrauertag. Erst nach dem 2.Weltkrieg wurde
der Volkstrauertag auf den vorletzten Sonntag im Kirchenjahr gelegt.
Bis etwa 1959/60 befand sich im Vorbau die hölzerne Gedenktafel für die Gefallenen des ersten Weltkrieges. In den Pfarrakten wird das Ehrenmal letztmalig in einem Bericht vom 10.2.1959 erwähnt.

Es wird dort als"dermassen stark vom Holzwurm befallen" beschrieben,"dass eine Konservierung des Holzes dringend notwendig wird, wenn die Gedenktafel der Gemeinde erhalten bleiben soll."

Leider ist die Gedenktafel nicht erhalten.

Das an der Südseite des Kirchenschiffes befindliche schwarze Eichenkreuz wurde während der Amtszeit von Pfarrvikar Fritz Ullrich (1907-1997), von 1947-1953 in Krimderode, zum Gedenken der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Einwohner von Krimderode errichtet. Eine Gefallenenehrung mit namentlicher Nennung war in der ehemaligen DDR nicht gestattet, da Angehörige der Wehrmacht vom SED-Regime als "Kriegsverbrecher" betrachtet wurden.

2. Die Orgel

Im Jahr 1717 soll in der Krimderöder Kirche die erste Orgel aufgestellt worden sein, über deren schlechten Zustand seit 1890 geklagt wird.
Die Herkunft der jetzigen Orgel war in der Kirchgemeinde in Vergessenheit geraten. Im "Wochenbrief " vom 25. November 1934 schreibt Kantor Vahlbruch, seit 1900 Organist in Krimderode, daß die Orgel zuvor in einer katholischen Kirche Westfalens gestanden hat. Vermutlich kannte er noch den früheren Standort in Westfalen durch mündliche Überlieferung.

Laut dem in den Krimderöder Pfarrakten befindlichen Abnahmeprotokoll, erstellt am 14. Mai 1892 von B. Lange, Organist an St. Blasii zu Nordhausen, wurde das einige Jahre gebrauchte Instrument im Mai 1892 von Orgelbauer Robert Knauf/Bleicherode eingebaut. Angaben zur Herkunft der Orgel enthalten die Akten nicht. Eine Handschrift im Inneren der Orgel aber lautet:

Gebaut von J. Vogt aus Corbach
im Jahr 1874 im Juni
E. Vogt
Wo die Orgel von 1874 bis 1892 stand und wie der Orgelbaumeister Knauf zu dieser Orgel gekommen war, konnte erst 1999 im Vorfeld des 125. Orgeljubiläums ermittelt werden. Ein Hinweis des Berliner Orgelforschers Uwe Pape führte zu dem hessischen Orgelforscher Dieter Schneider. Seinen Unterlagen zufolge wurde die Krimderöder Orgel 1874 für die katholische Gemeinde in Wilnsdorf bei Siegen/ Westfalen gebaut, aber nicht für eine Kirche. Die katholische Gemeinde in Wilnsdorf hatte damals noch kein eigenes Gotteshaus,sondern versammelte sich zu den Gottesdiensten in einem leerstehenden ehemaligen Zollamtsgebäude als Provisorium. Für dieses Gebäude baute Fa. Jacob Vogt aus dem hessischen Korbach die Orgel. Im Jahr 1892 bezog die katholische Gemeinde eine eigene neue Kirche, für die R. Knauf eine zweimanualige Orgel baute. Die Orgel aus dem Zollamtsgebäude nahm er in Zahlung und baute sie als eine "wenige Jahre gebrauchte Orgel" im gleichen Jahr in Krimderode für 1200 Mark ein. Laut o.g. Abnahmeprotokoll mußte der Prinzipalbaß 8' aus Platzgründen weggelassen werden. Die Empore hätte vergrößert werden müssen.
 
Disposition 1874 (Wilnsdorf)Disposition ab 1892 (Krimderode)
  • Prinzipal 8'
  • Hohlflöte 8'
  • Salicional 8'
  • Prinzipal 4'
  • Gedacktflöte 4'
  • Kornett 3fach 2'
  • Subbaß 16'
  • Prinzipalbaß 8'
  • Pedalkoppel
  • mechanische Schleifladen
  • Prinzipal 8'
  • Hohlflöte 8'
  • Salicional 8'
  • Prinzipal 4'
  • Flauto 4'
  • Kornett 3fach
  • Subbaß 16'
  • Pedalkoppel
  • Kollektivzug
  • Calcantenzug

In den folgenden Jahren übernahm die Fa. Knauf die regelmäßige Orgelstimmung sowie kleinere Reparaturen. Ab 1911 betreute die Fa. Strobel aus Bad Frankenhausen die Orgel. 1917 mußten für Kriegszwecke die Prospektpfeifen Prinzipal 4' abgeliefert werden. Anfang der 1930iger Jahre erfolgten mehrere kleine Orgelreparaturen. 1935 wurde eine Instandsetzung der Orgel durch die Fa. Dutkowski/Braunschweig durchgeführt. Die Orgel erhielt wieder neue Prospektpfeifen von C bis cis". Außerdem erfolgte eine gründliche Reinigung des von Fledermäusen stark verschmutzten Instrumentes. Desweiteren erhielt die Orgel ein elektrisches Gebläse.

1960 erfolgte durch die Gebr. Jehmlich/Dresden erneut eine Instandsetzung der Orgel. Es sollte u.a. ein zweites Manual eingebaut werden, was aber von der Hann. Landeskirche aus Kostengründen nicht genehmigt wurde. Der Aufwand wäre erheblich gewesen. Neben einer gründlichen Reinigung und Holzwurmbehandlung wurden z.T. neue Pfeifen gefertigt und eingesetzt. Der Prinzipal 4' erhielt neue Zinnpfeifen von cis'' bis f '''. Außerdem wurde eine Umdisponierung vorgenommen.
 
Disposition seit 1960
  • Gedackt 8'
  • Prinzipal 4'
  • Rohrflöte 4'
  • Nassat 2 2/3
  • Gemshörnlein 2'
  • Mixture 3fach
  • Subbaß 16'
  • Pedalkoppel

In den 1970er und 1980er Jahren wurde die Orgel regelmäßig von Fa. Wilhelm Sohnle aus Halberstadt gestimmt und durchgesehen. Seit 1996 betreut Herr Orgelbauer H.-J. Vogel aus Thale die Orgel.

3. Glocken

Auf dem Kirchtum befinden sich vier Bronzeglocken, welche in einem Stahl-Glockenstuhl hängen. Die drei Läuteglocken werden elektrisch betrieben.

Läuteglocke

  • Guß: 1965
  • Gießer: Schilling-Söhne, Apolda
  • Ton: c" -1/16
  • Krone: 4 Bügel
  • Inschrift:
HalsHALTET AN AM GEBET
FlankeRitzzeichnung:
Christus betend und Symbol
Auge Gottes
SchlagGießerzeichen 1965

Läuteglocke

  • Guß: 1965
  • Gießer: Schilling-Söhne, Apolda
  • Ton: d" -2/16
  • Krone: 4 Bügel
  • Inschrift:
HalsWer da glaubet und getauft wird
der wird selig
FlankeRitzzeichnung:
Herniederfahrende Taube und
Taufschale
SchlagGießerzeichen 1965

Läuteglocke

  • Guß und Gießer unbekannt, (früh)gotische Form
  • Ton: a' +2/16
  • Krone: ehem. 6 Bügel, einer abgebrochen
  • Inschrift:
Halskeine
Flankekeine
Schlagim Abstand von 90° je ein Malteserkreuz (Relief),
dazwischen je eine kleine Reliefdarstellung, u.a. ein
Hirsch und ein Relief " darstellend einen Jäger
(St. Hubertus), in der Linken ein Schwert haltend, mit der
Rechten ein Horn zum Blasen ansetzend, welchem ein auf
den Hinterläufen sich erhebender Hirsch, wie zum Kampfe,
sich naht." (Zitat aus Mithoff)

Schlagglocke der Turmuhr

  • Guß und Gießer unbekannt, (früh)gotische Form
  • Ton: g" -2/16
  • Krone: 6 Bügel
  • Inschrift:
Hals+ O A + XPC . VINCIT . XPS . REGNAD . XPC . IMPAD
Flankekeine
Schlagkeine

Mithoff (siehe 6.) stellt zu der Inschrift richtig fest: "In dem O zu Anfang der Glockeninschrift ist ein Kreuz angebracht.
Das O (Omega) hätte wohl hinter dem A (Alpha) seinen Platz haben müssen."
Zu der Inschrift (Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat) schreibt Mithoff: "Diese Inschrift findet sich häufig auf alten französischen Goldmünzen, noch unter Karl VI. (+1422)". Außerdem verweist er auf das 1692 in Amsterdam erschienene Werk "Traité Historique Des Monnoyes De France" von Francois LeBlanc, wo es auf Seite 154 heißt:

"Foucher raporte que ce fut le mot de l'armée Chreftienne, dans une bataille qu'elle donna contre les Sarrafins, fous le regne de Philippe Premier. Depuis ce temps - la nous les avons toûjours fait graver fur nos Mounoyes particulièrement fur celles d'or, quelques autres Nations nous ont en cela imité."

Die Übersetzung des Zitates lautet:
"Foucher berichtet, daß dies das Motto [auch etwa: 'Losungswort'] des christlichen Heeres in einer Schlacht gegen die Sarazenen unter Philipp I. war. Seither haben wir es immer auf unsere Münzen prägen lassen, besonders auf die Goldmünzen; einige andere Staaten haben uns darin nachgeahmt."
 

4. Turmuhr

Baujahr:
1903
Hersteller:
Fa. J.F.Weule/ Bockenem
Anschaffungspreis:ca. 750 Mark
Betriebsart:
mechanisch
Schlag:
zur vollen und halben Stunde
Gangdauer:
max. 8 Tage (Schlag-und Uhrwerk)
Gangregler:
verstellbares Pendel
Hemmung:
verbesserte Grahamhemmung nach Weule
Zustand:
original erhalten und voll funktionstüchtig
 
Die Krimderöder Turmuhr ist - wie alle Uhren von Weule - sehr robust und für die Ewigkeit gebaut.

Vielleicht war diese Qualität mit Schuld am Bankrott des Unternehmens. Der Erste Weltkrieg, Inflation, Wirtschaftskrise, der Zweite Weltkrieg und andere Faktoren führten zum langsamen Niedergang der Firma.

Am 18. März 1953 meldete Fa. Weule Konkurs an.

 

[ Historische Fotos ]

[ Sanierung des Kirchendaches 2006 ]

5. Zustand & Ausblick

Nach dem politischen Umbruch der Jahre 1989/90 ist Krimderode zu einem Feierabend- und Übernachtungsort abgestiegen. Schule, Post, Bäcker, Fleischer, Mühle und Kaufhalle wurden geschlossen. Gewerbetreibende gibt es fast nicht mehr. Im Vergleich zur Zeit vor 1990 sieht man Menschen, insbesondere Kinder, in den Straßen recht selten.
Die Kirchengemeinde Krimderode schrumpft seit vielen Jahren. Die Gottesdienste werden von max. 2% der Kirchenmitglieder besucht, was einer einstelligen Besucherzahl entspricht. Die Pfarrstelle wurde 1995 aufgehoben.
Gegenwärtig befindet sich die Kirche noch in einem akzeptablen baulichen Zustand. Die Altersstruktur der Kirchengemeinde und die sich daraus ergebende Entwicklung erfordert in absehbarer Zeit aber ein Umdenken hinsichtlich einer alleinigen Nutzung der Kirche zu Gottesdienstzwecken. Kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte oder Ausstellungen wären denkbar. Der Bedarf an solchen Veranstaltungen ist aufgrund der Charakteristik des Ortes und seiner Einwohner aber als sehr gering einzuschätzen.
Die drei oder vier Konzertangebote der letzten 25 Jahre fanden keinen Anklang und müssen als Flop bezeichnet werden.
Wie überall im Lande, so gilt auch für Krimderode: Eine Kirche die nur am Heiligen Abend gut besucht ist, kann langfristig nicht erhalten werden.

6. Quellen

Pfarrakten Krimderode, Nr. 5130 (Uhr, Glocken, Läutewerk) und Nr. 512 (Unterhaltung und Ausbesserung)

Mithoff, H. & Wilhelm. H. : Kunstdenkmale und Alterthümer im Hannoverschen, 2. Band: Die Fürstenthümer Göttingen und Grubenhagen nebst dem hannoverschen Theile des Harzes und der Grafschaft Hohnstein. Hannover 1873, S.22

Leopold, J. L. G. : Kirchen-, Pfarr- und Schulchronik der Gemeinschafts-Aemter Heringen und Kelbra; der Grafschaft Hohnstein; der Stadt Nordhausen, und der Grafschaften Stolberg-Rosla und Stolberg-Stolberg seit der Reformation. Nordhausen 1817, S.97/98

Vahlbruch, W. : Heimatbüchlein der Grafschaft Hohnstein im Kreise Ilfeld (Südharz). Crimderode 1927

Wochenbrief für Niedersachswerfen, Crimderode und Rüdigsdorf, Pfarrarchiv Niedersachswerfen, Nr.53

Ramminger, H. : Turmuhren der Firma Weule im Zeitraum von 1848 bis 1952. Hannover 1995

Fotos: Reinhard Glaß, Niedersachswerfen