Lichtensteinhöhle

Geologie

Der südöstliche Hang des Sösetales liegt über einer tiefgreifenden geologischen Störung, dem Harzwestabbruch. Hier wurden die Ablagerungen des Leine-Berglandes gegenüber denen der Harzscholle um rund 1.000 Meter abgesenkt. In der Störungsfläche, einer wasserführenden Zerrüttungszone, dringen Tiefenwässer auf. Der hier vorbeifließende Bach Salza (Name!) führt im Steilhang an der Fabrik Lichtenstein austretende Wässer in das 1916 geschaffene neue Flussbett der Söse und nimmt weiterhin Karstgrundwässer auf, die aus der Harzscholle, also auch dem Lichtenstein, zufließen.


Zeichnung nach VLADI , 1989
 
1 Niederterrassenkiese der Söse
2 Buntsandstein, ungegliedert
3 Unterer Buntsandstein
4 Buntsandstein und Zechstein
5 Hauptanhydrit
6 Plattendolomit
7 Grauer Salzton
8 Basalanhydrit
9 Stinkdolomit

In einer 1972 hier am Hang entdeckten schmalen Gipshöhlenspalte wurden nach Bezwingung einer extremen Engstelle (Foto) 1980 als Fortsetzung mehrere kleine Kammern entdeckt. Als fossile Aufstiegsbahn mineralisierter Tiefenwässer auf dem Harzwestabbruch kann die Höhle anfangs der letzten Kaltzeit (50.000 - 100.000 Jahre) entstanden sein. Als nunmehr fossile Quellhöhle wird sie in der Gegenwart nur wenige Meter tiefer von einem quer dazu verlaufenden Karstgerinne anderer Herkunft unterlaufen. Feinkörnige Ablagerungen auf dem Höhlenboden dürften während der letzten Kaltzeit hineingelangt sein.

In der geologischen Gegenwart wird die Höhle von Tieren genutzt: Mäuse, Fledermäuse, Fuchs, Kaninchen. Sie stellt einen für den Gipskarst einzigartigen Geotop dar. Sie ist als Natur- und Kulturdenkmal geschützt und unzugänglich. Im Höhlen-Erlebnis-Zentrum an der Iberger Tropfsteinhöhle bei Bad Grund ist sie im Modell (1:1) begehbar.

Archäologie

Fünf Kammern der Höhle enthielten die meist übersinterten Skelettreste von ca. 65 hier bestatteten Menschen aus der späten Bronzezeit (10. - 8. Jh. v. Chr.). Neben dem Bronzeschmuck der Toten fanden sich in einer mächtigen Brandschicht zahlreiche Überreste von rituellen Bestattungszeremonien wie etwa Tierknochen (z.B. Rind, Pferd, Schwein, Schaf, Ziege), Keramik, verkohlter Hirsebrei und weitere verkohlte Pflanzenreste (z.B. Getreide, Ackerbohnen, Erbsen, Lein). Die Höhle ist inzwischen vollständig fachwissenschaftlich ausgegraben. Die Funde und Befunde sind im Höhlen-Erlebnis-Zentrum bei Bad Grund ausgestellt.

Bei der Lichtensteinhöhle handelt es sich um die ca. 200 Jahre lang genutzte Begräbnisstätte eines größeren Familienclans. 24 der Toten sind nach Aussage der genetischen Fingerabdrücke über drei Generationen hinweg eng miteinander verwandt (siehe Grafik). Genetische Untersuchungen bei den im Sösetal heute lebenden Menschen zeigen, dass die Bevölkerung standorttreu war und direkte Nachfahren noch heute in der Umgebung leben.

Vermutlich nutzten die bronzezeitlichen Menschen als Teil ihrer wirtschaftlichen Basis bereits die Salzvorkommen in Förste. Kulturell und im Hinblick auf die Salzgewinnung zeigt sich eine enge Beziehung zu den bronzezeitlichen Bewohnern des südlichen Kyffhäusers (Salinenstadt Bad Frankenhausen). Der hiesige Forstweg ist Teil einer Altstraße, die den thüringischen Raum mit der Pipinsburg verband, in deren Bereich wohl die zugehörige Siedlung der Menschen aus der Höhle lag.

Stammbaum nach 3.000 Jahren! DNA-Analysen ergaben, dass 24 Menschen
aus der Höhle eng miteinander verwandt sind. Die Höhle wurde danach als
Bestattungsplatz eines Familienclans genutzt.
 

Zeittafel zur Bronzezeit - Der Pfeil rechts beschreibt
den Nutzungszeitraum der Lichtensteinhöhle.


Ortstermin - Würdigung der Entdeckung und ersten Funde im März 1980 durch (v.l.n.r.): Werner Binnewies, Friedrich Reinboth, Bernd Binnewies, Ernst Nienstedt, Wilhelm Reißner, Rudolf Wenig, Edwin Anding mit Gemahlin
Foto: F. Vladi


Ergänzende Informationen:

KEMPE, Stephan &
VLADI, Firouz (1988):
Die Lichtensteinhöhle - Eine präholozäne Gerinnehöhle im Gips und Stätte urgeschichtlicher Menschenopfer am Südwestrand des Harzes
HERRMANN, Bernd (1988):Erste anthropologische Befunde aus der Lichtensteinhöhle bei Dorste
FRICKE, Uwe (1999):Zur Entdeckung der bronzezeitlichen Funde in der Lichtensteinhöhle bei Osterode am Harz im Jahre 1980
HarzKurier (2004, 2007):Pressemitteilungen
WERLER, Eva &
VLADI, Firouz (2008):
Der Höhlenforscher.- in: -Niedersachsen-Beitrag "Unser Thema: Höhlen Erlebnis Zentrum Bad Grund" vom 10.07.2008
LANGE, Roland (2008):Der Nachfahre - Ein Leben im Schatten des Lichtensteins
LANGE, Roland (2010):Höhlenopfer - der Harz Krimi
REINBOTH, Friedrich (2010):Zur Erforschungsgeschichte der Rotkamphöhle
FLINDT, Stefan et al. (2013):Die Lichtensteinhöhle. Ein ,irregulärer‘ Ort mit menschlichen Skelettresten aus der Urnenfelderzeit – Vorbericht über die Ausgrabungen der Jahre 1993–2011

GPS-Koordinaten
N 51.7243° E 10.1737°

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