Schreckliche Verbrechen an Grenzgängern

Rudolf Pleil
Der Totmacher mordete
auch im Südharz

Der Massenmörder Rudolf Pleil während
der Schwurgerichtsverhandlung in
Braunschweig auf der Anklagebank.

Bewacht von Justizbeamten.
 

Am 13. April 1947 ereignete sich im oberen Ortsteil von Zorge ein bestialischer Mord an dem Hamburger Kaufmann Bennen. Der Kopf des Opfers war mit Beilhieben gespalten, ein Oberschenkel zertrümmert. Die Leiche fand man später in der Zorge, das blutige Beil noch am Tatort. Ein junger Mann aus Zorge hatte Opfer und Mörder zufällig noch zuvor im Ort gesehen. Am 18. April 47 sah er ein junges Mädchen mit demselben Manne auf dem Weg von Benneckenstein über Hohegeiß nach Zorge. Sein Verdacht trog ihn nicht, er benachrichtigte die Zorger Polizei und so konnte, bevor ein weiterer schrecklicher Mord geschah, einer der meist-gesuchten Massenmörder seiner Zeit festgenommen werden: Rudolf Pleil. Erst langsam enthüllten sich die Dimensionen des Verbrechens und - finsterer noch - die Dimensionen Pleils Charakters.

Die schnelle Verhaftung Pleils brachte dem Leiter der Zorger Polizeistation die Beförderung. Dem jungen Mann, der den Massenmörder enttarnt hatte, wurde die Anerkennung nicht geschenkt. Die Mordserie, deren Aufklärung nicht gelingen wollte, begann schon im Frühsommer 1946, als bei Mattierzoll eine junge Frau mit zertrümmertem Schädel gefunden wurde. Weitere sieben ähnlich zugerichtete Frauenleichen schlossen sich bis Herbst 1947 an. Gemeinsam war allen Fällen der Versuch, unter Vertrauen auf unterwegs sich andienende Grenzführer die frisch gezogene innerdeutsche Grenze von Ost nach West zu überqueren.

Auch der Südharzer Grenzraum war von solchen Ereignissen und um so mehr von der Furcht all jener geprägt, die aus schierer Not durch Handel und Tausch ihren Lebensunterhalt zu verdienen oder Verwandte und Freunde zu besuchen, die Grenze querten. "...1945 Dresden 3, 1946 Ellerich Julihütte 1, 1946 Walkenriet 1, 1947 Zorge 1, 1947 Zorge/ Dreieck 1..." Ob diese Liste vollständig war, die man später in Pleils Jacke fand? "Erst hab‘ ich sie umgehauen, dann hab‘ ich sie bearbeitet" gesteht Pleil lächelnd den Mord bei Mattierzoll. Sorgfältig begann er im Gefängnis über Leben und Ziele Buch zu führen. Er war nicht allein. Von hinten erschlug er seine Opfer mit dem Beil oder mit einem Hammer. Daß die Opfer dabei starben, hatte ihn zunächst überrascht. Er hatte sie nur bewegungsunfähig machen und dann mißbrauchen wollen: "Ich wußte nicht, daß die Schädeldecke so dünn ist".

Über seinen ersten Mord berichtete er: "Als ich das erlebte, da sah ich, daß ich zum Totmachen berufen bin". Noch aus der Zelle in Celle, wo er zunächst nur wegen des Mordes an dem Hamburger Kaufmann einsaß, sandte Pleil im Juni 1948 eine Bewerbung an den Bürgermeister von Vienenburg: "Damit Sie sehen, daß ich gut und schnell totmachen kann." Der 26-Jährige bewarb sich um einen Posten als Scharfrichter oder Totmacher. Als Beleg für seine Kunst verwies Pleil den Bürgermeister auf einen Brunnenschacht eines dasigen Bahnwärterhäuschens. Und in der Tat: Man fand dort zwei Frauenleichen. Und so begann mit diesem unglaublichen Vorgang die Aufdeckung einer ganzen Mordserie.

In der Braunschweiger Schwurgerichtshaft entstand das Tagebuch des Mörders: Drei eng beschriebene schwarze Schulhefte; 127 Seiten dicht beschrieben. Der Titel: "Mein Kampf – von Rudolf Pleil, Totmacher a.D." Zehn in der Beweislage gesicherte Morde werden ihm hier schon vorgeworfen. "Sie unterschätzen mich!": Pleil prahlt, er sei der größte Totmacher von allen Zeiten in Deutschland und redet von weiteren, insgesamt 25 Morden, später von bis zu 40 Morden. "Ohne Gnade werde ich totmachen Kind und Greis, und nach hundert Jahren soll man noch von mir sprechen!" Ein riesiger Aktenberg war letztlich entstanden. Psychiatrische Gutachten, umfangreiche Urteilsbegründungen, Tatortfeststellungen, Fallrecherchen, die Tagebücher des Mörders, juristische und psychologische Eigeneinschätzungen, in denen er seine Deformationen zu erklären versucht, ca. 40 Gedichte und Pleils Dreiakter "Rudolf! Eine Komödie". Vom Elternhaus schon früh als Waldläufer und Grenzgeschäftler mißbraucht, fand sich Pleil in fortwährender schlechter Gesellschaft. Insgesamt vermitteln seine hinterlassene Texte ein maßlos deformiertes, ichbezogenes Weltbild, ausgerichtet auf das Töten von Frauen zur eigenen sexuellen Befriedigung.

Das "Arbeitsgebiet" reichte von Helmstedt bis ins Himmelreich bei Ellrich-Walkenried und das ehemalige KZ Juliushütte. Noch heute heißt ein Gehölz hier "Mordwäldchen". Unvergessen bleiben den Älteren die Geschichten um Mord und Plünderung im Eisenbahntunnel bzw. seinen Entwässerungsstollen, die damals manche zum heimlichen Anmarsch beim Grenzwechsel nutzten. Als wenn solche Orte das Ungeheuer magisch anziehen: hier war auch die Wirkungsstätte des Südharzmörders aus den 90er Jahren.

Pleils Hoffnungen auf Freiheit zerschlugen sich spätestens, als Lydia Schmidt ihn identifizierte. Sie war die einzige Überlebende seiner Mord- und Raubattacken. "Unbeschreibliche Dinge hat er an mir getan", sagte sie aus. In den in seiner Zelle dann entdeckten Tagebüchern, zu deren Mordbeschreibungen er sich freudig bekannte, beschimpfte Pleil auch seine Kumpanen Karl Hoffmann (36) und Konrad Schüßler (22): "Mich ekelte vor seiner ewigen Kopfabschneiderei", sagte Pleil über Hoffmann, mit dem er abeitsteilig selber mordete und vergewaltigte, Hoffmann aber den Raub besorgen ließ. Letztlich wurde der Kellner Rudolf Pleil am 17. November 1950 wegen neunfachem Raubmordes und einem Mordversuch zu lebenslänglichem Zuchthaus samt Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Fünf Opfer wurden nie identifiziert. 1958 erfüllte Pleil dann sein während der Gerichtsverhandlungen gegebenes Versprechen: Ein Gefängniswärter fand ihn im Februar 1958 in der Zelle, am Türgriff erhängt. Die ebenfalls wegen Mordes verurteilten Kumpanen kamen Anfang der 70er Jahre über Gnadengesuche wieder frei.

Die Deformation dieses Frauenmörders spiegelt ein Stück auch die Deformation der Gesellschaft. "Raubend und mordend ziehen diese drei durch das zertrümmerte Nachkriegsdeutschland", schreibt der Journalist Oswald Kolle Anfang der 70er Jahre in einer Reportage über Pleil. "Die Geschichte Rudolf Pleils ist auch die Geschichte einer gewalttätigen Gesellschaft, die damals Gewalt pries und nun die Saat der Gewalt erntet."

Firouz Vladi