Stephan Kempe und Firouz Vladi:

Die Lichtenstein-Höhle

Eine präholozäne Gerinnehöhle im Gips und Stätte urgeschichtlicher Menschenopfer am Südwestrand des Harzes (Gemarkung Dorste, Landkreis Osterode am Harz)

Kurzfassung
In einer seit 1972 bekannten kleinen Gipshöhle am südwestlichen Harzrand wurden 1980 nach Bezwingung einer extremen Engstelle als Fortsetzung mehrere kleine Kammern entdeckt, an deren westlichen Ende eine - in jüngerer Zeit verbrochene - Schachtspalte zutage führt. Die Kammern enthalten nach vorläufigen Untersuchungsstand - mindestens 29 juvenile (z. T. infantile und präadulte) überwiegend übersinterte Skelette von Menschen der jüngeren Bronzezeit, Bronzeschmuck und einen Fell-Kleidungsrest, davon liegen drei der Skelette in situ. Hinzu treten vereinzelt Großsäugerknochen (Schaf, ?Rind, ?Schwein). Die Höhle liegt unmittelbar am Hang über einer Altstraße, die den thüringischen Raum mit der Pipinsburg verband, die als Höhenfestung (?Oppidum) zeitgleich ihrer Hauptbesiedlungsphase zustrebt.

Als fossile Aufstiegsbahn artesischer mineralisierter Tiefenwässer auf dem Harzwestabbruch könnte die Höhle spätestens am Anfang der letzten Kaltzeit (50000 bis 100000 Jahre) entstanden sein. Sie wird rezent nur wenige Meter tiefer von einem senkrecht hierzu streichendem Karstgerinne anderer Genese unterfahren. Am Höhlenboden liegende Sedimente dürften periglaziär verfrachtet sein. Im Holozän entwickelten sich prächtige Gipssinter infolge der dynamischen Bewetterung und hohen Verdunstung innerhalb der beidseitig von Kleinsäugern aufgesuchten Höhle.

Sie stellt ein für den Gipskarst einzigartiges geowissenschaftliches Objekt dar und steht seit 1981 als Naturdenkmal unter Schutz.

Ihre archäologische Erforschung ist angezeigt, zumal die Fundsituation auf mehr oder weniger regelmäßig vorgenommene Menschenopfer hindeutet, worüber aus diesem Zeitabschnitt für die Region weiters keine Belege vorliegen.

Einführung und Entdeckungsgeschichte
In den Zechsteingipsen des südwestlichen und südlichen Harzrandes sind Höhlen, größere und kleinere, zahlreich anzutreffen. Ihre Erforschung konzentrierte sich bisher auf Geologie, Karstmorphologie und -morphogenese und auf die spezielle Hydrogeologie und -chemie des Gipskarstes. Archäologische Bedeutung erlangten lediglich das Jettenhöhlensystem bei Düna/Osterode am Harz durch spätlatenezeitliche Funde (KEMPE et al., 1975). Auf DDR-Gebiet wurden in den 50er Jahren am Südrande des Kyffhäusers bronzezeitliche Opferschächte mit sehr gut erhaltenen, vielfältigen Funden ausgegraben (BEHM - BLANCKE, 1958).

Im Südharzer Zechsteindolomit bei Scharzfeld (Einhornhöhle, Steinkirche, Schulberg-Abris) wurden dagegen Ausgrabungen schon im 17. Jahrhundert (z. B. Leibnitz) begonnen und dann verstärkt um die vergangene Jahrhundertwende fortgeführt (Claus, 1978). Die zahlreichen Kalkhöhlen des Iberg-Winterberg-Massivs bei Bad Grund (Harz) am Westrand des Oberharzes haben keine archäologischen Funde ergeben, sicher eine Folge vollständiger Sedimentausräumung durch den mehrhundertjährigen Eisensteinbergbau.

Die Entdeckung der "Lichtenstein-Höhle" westlich Osterode, Gemarkung Dorste, mit mehr als 29 Skeletten, voraussichtlich aus der jüngeren Bronzezeit, wirft ein neues Schlaglicht auf das Verhältnis des urgeschichtlichen Menschen zum Phänomen Höhle am Rande des Harzgebietes. Mit Ausnahme einiger Streufunde, die bei der Entdeckung geborgen werden mußten (Bronzen und Knochen) ist eine archäologische Bearbeitung noch nicht erfolgt. Eine solche wird aufgrund der mit der unerhöhten Enge der Räume verbunden grabungstechnischen Probleme nur nach sorgfältiger Planung und bergtechnischer Vorbereitung in Angriff genommen werden können.

Der vordere, fundfreie Teil der Höhle wurde im April 1972 durch D. FRIEBE, H. PEINEMANN und U. WAGNER (alle Osterode am Harz) bei der Suche nach einem vermeintlichen Fluchtstollen zur oberhalb der Höhle gelegenen mittelalterlichen Burgruine Lichtenstein entdeckt. Der "Fluchtstollen" erwies sich als enge, mehrfach abgewinkelte ca. 50 m lange, an einer zum Berghang parallelen Spalte angelegte Naturhöhle mit prächtigem Gipssinterschmuck.

Nach einer Vermessung und Auswertung durch die Arbeitsgemeinschaft für Niedersächsische Höhlen im Februar 1973 erfolgte zur Sicherung der geologischen und mineralogischen Befunde der Verschluß durch eine eiserne Tür. Die am nordwestlichen Abhang des Lichtensteines hart über der Niederterrasse der Söse zwischen Förste und Dorste belegene Höhle wurde 1974 unter dem Namen "Rotkamp-Höhle" als Naturdenkmal einstweilig sichergestellt. Mehrere Einbrüche hinterließen glücklicherweise nur geringe Schäden. Die Höhle endete in einer unpassierbaren, aber wetterführenden Engstelle.

Extrem enger horizontaler Einstieg aus dem alten Teil in "Kathrins Spalte"

Am 29. 2. 1980 konnte durch Kathrin von EHREN (Hamburg) nach Bezwingen der Engstelle eine sehr enge Fortsetzung befahren und erste menschliche, stark mit Gips übersinterte Knochen gefunden werden. Weitere Nachforschungen (Landkreis Osterode am Harz und Arbeitsgemeinschaft für Karstkunde in Niedersachsen e. V.) führten dann zur Entdeckung einer fast 70 m langen Fortsetzung: durch extreme Engpässe miteinander verbundene fünf kleine Räume mit allenthalben verstreut liegenden Skelettresten von mindestens 29 Menschen (gezählt nach Schädeln), Bronzegegenständen und wohl rezenten - Tieren (Fuchs, Hase, verschiedene Kleinsäuger). Die meisten der älteren Knochen sind von einer bis zu 5 cm mächtigen, traubig-stalagmitischen Gipssinterschicht überwachsen. Die Sinterbildung hat die Knochen z. T. stark in Mitleidenschaft gezogen, insbesondere erscheinen sie durch interne Gipskristallisation aufgequollen. Die nicht an der Oberfläche liegenden Knochen sind besser erhalten.

Grabkammer; in der Mitte knapp passierbarer Abstieg nach Osten.
Bildbreite: ca. 4m

Alle Knochen wurden in Fundlage belassen, lediglich die bei der Erweiterung des Zuganges in die "Grabkammer" während der Entdeckung herabgefallenen und unmittelbar gefährdeten Stücke sowie die Bronzen wurden geborgen und im Anthropologischen Institut der Universität Göttingen bzw. am Institut für Denkmalpflege beim Nieders. Landesverwaltungsamt Hannover ausgewertet. Die Funde waren bereits Gegenstand der Landesausstellung "Ausgrabungen in Niedersachsen 1979-1984"; sie werden voraussichtlich im Heimatmuseum Osterode am Harz ausgestellt Die anthropologische sowie die speläogenetische und hydrogeologische Auswertung der Befunde (Manuskripte) einschließlich der Planaufnahme konnte bereits 1983 abgeschlossen werden. Die Ergebnisse werden als erster Teil einer interdisziplinären Darstellung hiermit vorgelegt. Die Beschreibung der archäologische Befunde und die urgeschichtliche Auswertung erfolgt zu einem späteren Zeitpunkt. Eine erste, zusammengefaßte Darstellung der von den beteiligten Autoren gewonnenen anthropospeläologischen Befunde nebst Höhlenplan wurde von MAIER und LINKE (1985) bereits veröffentlicht.

Die inzwischen 115 m Gesamtganglänge messende Höhle wurde unter dem Namen "Lichtenstein-Höhle" mit Verordnung vom 1. 5. 1981 als Naturdenkmal (OHA 25) gesichert. Die Höhle ist vor unbefugtem Zutritt durch eine feste Tür verschlossen, den Zutritt regelt der Landkreis Osterode am Harz.

Die Umbenennung war erforderlich, weil der Lichtenstein in der Gemarkung Dorste liegt, die Flurbezeichnung "Roter Kamp", Gemarkung Förste, aber in keinem Zusammenhang mit der Höhle steht. Eine früher bei REINBOTH (1969) erwähnte "Lichtenstein-Höhle" geht auf Berichte aus der frühen Nachkriegszeit zurück. Es muß sich um eine nicht erforschte und dokumentierte, inzwischen auch nicht näher lokalisierbare Höhle im jetzt abgebauten Gebiet des Steinbruches "Gipswerk Niedersachsen" gehandelt haben.

Geologie und Speläogenese
Die Lichtenstein-Höhle liegt (s. Lageplan) am südöstlichen Hang des unteren Sösetales, knapp 2 km südwestlich Förste, am nördlichen Abhang des aus dem Tal recht steil, bis 261,8 m NN, aufsteigenden Lichtensteines.

Wenige Meter vor der in ca. 156 m NN im Hang gelegene Höhle verläuft auf Talsohlenniveau die Salza (145 m NN), die Quell- und Hangwässer der unweit westlich verlaufenden (alten) Söse zuführt. Die Salza-Quelle gehört zu einer Gruppe von Quelltrichtern, die sich aus dem Raum Förste bis zum Lichtenstein hinzieht und teilweise hochmineralisierte Wässer zutage fördert. Zwischen Salza und Höhle verläuft am Hangfuß ein Forstweg. Dieser ist hier Bestandteil einer Altstraßentrasse, die im Zuge der heutigen Bundesstraße 241 als Ost-West-Verbindung Northeim über Katlenburg, Dorste und Osterode mit dem Oberharz ("Alte Harzstraße") verband und in dem Abschnitt Dorste Förste mit der aus dem süddeutschen Raum nach Norden führenden Thüringer (Nürnberger) Heerstraße zusammenfiel (CLAUS, 1978).

Im Bereich dieser hart oberhalb des Talbodens verlaufenden und damit hochwassersicheren Altstraßentrasse, also der südöstlichen Flanke des Sösetales, verläuft eine bedeutende tektonische Struktur, der Harzwestabbruch.

An diese Nahtstelle ist das westlich anschließende Leine-Bergland gegenüber der ostwärts liegenden Harzscholle um annähernd 1000 m abgesunken. Die Lichtenstein-Höhle, noch auf der Harzscholle, liegt in Gipsen der 3. Zechsteinserie (Hauptanhydrit), die hier weitflächig aufgeschlossen sind, örtlich von Rutschmassen und Fließerden aus Unterem Buntsandstein überkleidet und nach oben von anstehendem Unteren Buntsandstein (Burggipfel) überdeckt werden. Die westlich der Höhle abgesunkenen mesozoischen Schichten sind in der unmittelbaren Umgebung nicht erbohrt. Sie werden von Kiesen und Auelehmen der Niederterrasse der Söse überdeckt. Den näheren geologischen Aufbau erläutert die geologische Profilskizze.

Kiese oder Formenelemente früherer Entwicklungsstadien des Sösetales, etwa der Mittelterrasse, sind hier nicht mehr vorhanden. Reste der Mittelterrasse finden sich lediglich ca. 1km südlich Nienstedt in 156 m NN (frdl. Mitt. H. JORDAN, Nieders. Landesamt f. Bodenforschung, Hannover, 1980). Sie dürften in etwa mit der Höhenlage der Höhle korrespondieren.

Die Lichtenstein-Höhle folgt in ihrem noch erhaltenen, also der jungquartären Erosion nicht zum Opfer gefallenen Teil einer hangparallelen Abrißkluft. Diese Iäßt sich über den 115 m langen Höhlenzug hinaus an weiteren Abschnitten des Lichtenstein-Nordfußes nachweisen. Der ca. 2m bis 8m unter der Tagesoberfläche verlaufende Hohlraum weist kein nennenswertes Gefälle auf. Die Position des heutigen Mundlochs und der am Westende der Höhle oberhalb des Bernd-Saales befindliche urgeschichtliche Einstieg sind somit in ihrer Anlage jünger als der Hohlraum.

Hinter dem künstlich erweiterten Mundloch beginnt der Höhlenverlauf mit einer ca. 50 m langen, überwiegend 220" (SW) streichenden, schmalen und hohen Kluftstrecke ("Alter Teil"). Diese Strecke wird wiederholt, zumindest fünffach an 310" streichenden Querklüften kulissenartig nach Nordwesten versetzt. Die Kluftrichtungen entsprechen somit den Hauptrichtungen des regionalen Kluftnetzes, bei dem hier am Fuß des Lichtensteins mit ca. 220", dem rheinischen Streichen, die Struktur des Harzwestabbruches dominiert. Die kürzeren Querklüfte entsprechen dem hercynen Streichen.

An den Gangknicken werden die Klüfte jeweils verlassen, sie sind dort nur noch nischenförmig erweitert. Der Plan der Höhle gibt die Höhlensohle wieder, nicht die Firste, so daß das Kluftmuster nicht überall deutlich zu erkennen ist.
 

Nach einer Engstelle, ab welcher der weitere Verlauf wechselweise einem oberen und einem unteren, ca. 1m bis 2m tiefer liegenden Niveau folgt, verändern sich die Raumformen zugunsten einer schwach ausgeprägten Breitenentwicklung. In den weiteren knapp 70 m Höhlenstrecke wechseln kleine, ca. 2 x 5 m messende Kammern mit flachen oder schmalen, für einen erwachsenen Menschen kaum passierbaren Schlufstrecken. Die Höhle endet südwestwärts im Bernd-Saal, wo der ursprüngliche Verlauf der Höhlenfirste in die Sedimentfüllung abtaucht. Da die allenthalben verstreuten menschlichen Gebeine nicht über den künstlich erweiterten heutigen Zugang ins Innere gelangt sein können und anderweitige Verbindungen zur Erdoberfläche nicht erkennbar sind, muß hier der ehemalige Zugang erwartet werden. Dies dürfte die aus der Heinfried-Höhle in die Tiefe zum Bernd-Saal führende Schachtspalte (Abrißkluft) sein, an deren Fußpunkt ein Sedimentkegel in den Bernd-Saal und über ein Fenster in die Reinhardts-Grotte verläuft. Unmittelbar neben der Heinfried-Höhle befand sich vermutlich ein kleines Felsdach (Abri), von dem ein Einstieg über die Heinfried-Höhle in den Bernd-Saal vorhanden war; diese Schachtspalte ist infolge Setzung kantenverwitterten Blockwerks unpassierbar geworden.

Ohne den archäologischen Untersuchungen vorgreifen zu können, legen aber die speläologischen Erfahrungen nahe, daß - infolge der unerhörten Enge der die Räume verbindenden Kriechstrecken - ein damaliger Transport (mit anschließender Bestattung) von Leichen in bzw. durch die Höhle auszuschließen ist. Da einige Skelette im Verband liegen (Grabkammer und Horstspalte) ist auch ein Transport von Leichenteilen nicht anzunehmen. Der Schluß liegt daher nahe, daß die Opfer mit eigener Kraft in die Höhle gelangt sind, wo sie dann zu Tode kamen. Daß der Zustieg vom südwestlichen Ende erfolgte, erklärt auch die Zerstörung und Verlagerung der 

Reinhardsgrotte; in die flachen Seiten verlagerte Skelettelemente.
Der unten rechts liegende Schädel weist an den oberen Bruchstrukturen
Quellungen durch sekundäre Gipsausblühung auf

Skelette bzw. Knochen im Bereich Bernd-Saal bis Uwe's Schluf, während sich in der seltener bekrochener Grabkammer (und Horstspalte), also dem früheren distalen Ende der Höhle noch zwei oder drei in-situ-lagen haben erhalten können. Diese Beobachtungen an Oberflächenfunden können den Ergebnissen archäologischer und sedimentologischer Erkundung durch Grabungen nicht vorgreifen. Verschiedene Sondierungen in den hinteren Höhlenräumen mit der 1 m-Nutsonde weisen mindestens 1m mächtige sandig-schluffige Sedimentpakete nach. Eine systematische Untersuchung steht aus. Die Knochen sind mit Sicherheit auf die nacheiszeitlichen Decksedimente beschränkt. Eine ca. 15 cm tiefe "Testgrabung" wies dabei unter der Sedimentoberfläche noch Großsäugerknochen (?Schwein) nach. Des weiteren findet sich in der Horstspalte das offensichtlich komplette aber zerstreut liegende Skelett eines Schafes (oder einer Ziege) sowie in der Fiddi-Kluft eine Rippe von Pferd oder Rind.

Die heutige Sedimentoberfläche mitsamt den Knochen und z. T. auch die Wände weisen eine mehrere mm bis cm starke Sinterschicht auf.

Lichtensteinhöhle, Gipssinterkruste, Horstspalte (Befahrungsschutt)

Diese Gipssinter sind für die Lichtenstein-Höhle charakteristisch. Da sie den Knochen aufsitzen, sind sie Bildungen des Holozäns. Diese Sinter konzentrieren sich im alten Teil besonders auf die Kluftkreuzungen, wo offenbar mehr Sickerwasser eindringen kann. Wände und Boden sind mit traubig-stalaktitischen, irregulären, stumpfen Kristallaggregaten besetzt. Diese Sinter ähneln den aus anderen Gipshöhlen beschriebenen (KEMPE, 1977), wenn sie auch nirgends im Südharz in dieser Menge angetroffen wurden. Die Erklärung dafür ist, daß die Höhle - verglichen mit anderen Gipshöhlen - vermutlich alt ist, und daß die beiden Wetteröffnungen einen Lufttransport in jeder Jahreszeit durch die Höhle erlauben. Einsickerndes, gipsgesättigten Wasser kann daher verdunsten und so die Gipssinter bilden.

Lichtensteinhöhle, Gipsstalaktit, Horstspalte (Befahrungsschutt)

Interessant ist die Beobachtung, daß auch am Boden liegende Knochen, die nicht unter Sickerstellen liegen, eine dicke Kruste aus Gipssinter aufweisen. Hier verdunstet die Bodenfeuchtigkeit. Der dabei aufwachsende Gips kristallisiert mindestens am Anfang auch im Knochengewebe und weitet es dabei. Ein Teil der oberflächlichen Knochen, insbesondere verschiedene Schädelknochen sind somit stark deformiert (s. a. Beitrag B. HERRMANN). Die Höhle ist, von niederschlagsbedingter Tropfwasseraktivität abgesehen, trocken. Die durchweg permeablen Sedimente lassen eine Stauwasserbildung nicht zu.

Die Klüfte dienten nur als Richtschnur für die eigentliche Speläogenese, nirgends sind sie genügend geweitet, um z. B. durch Hangabriß einen eigenständigen Hohlraum zu bilden. Vielmehr hat sich der bergwärtige Teil des Massivs an einer der rheinischen Klüfte nach der Höhlenbildung um 3 cm bis 4 cm gesenkt, was an einer Verschiebung in der Höhlenfirste am Ende des alten Teiles gut zu erkennen ist, obwohl eine gegenteilige Bewegung eher zu erwarten wäre. Die Höhlenbildung begann mit der Bildung einer 5 cm bis 10 cm weiten rundlichen bis langgestreckten Röhre, die auf den Kluftflächen an der Stelle der bestem Wasserwegsamkeit gebildet wurde. Diese Röhre ist z. B. in der Decke der Grabkammer noch sehr gut zu studieren. Diese Röhre, gut bekannt aus der frühen Entwicklung der Kalkhöhlen, wird als Anastomose bezeichnet. Sie entsteht im phreatischen Bereich, d. h. unter dem Wasserspiegel, und kann daher ihre Höhenlage beliebig auf der senkrecht stehenden Kluftfläche ändern. Dies ist z. B. in der Grabkammer der Fall, dort gibt es zwei isolierte nach oben führende Bögen. Solche Anastomosen sind bisher aus den Südharzer Gipshöhlen nicht beschrieben worden. Zu einem späteren Zeitpunkt, also nachdem sich durch zunehmende Erosion im Sösetal das Vorflutniveau und damit der Grundwasserspiegel im Berg gesenkt hat, hat sich von den Anastomosen ausgehend ein frei fließendes Gerinne mit turbulenter Strömung nach unten eingeschnitten und damit die eigentliche Höhle gebildet (vadoser Bereich). Nach oben gerichtete Anastomose-Bögen blieben dabei erhalten, nach unten gerichtete wurden bei der korrosiven Erweiterung in den heutigen Höhlenraum mit einbezogen und sind daher nicht mehr erkennbar. Die vadose Entwicklung des Höhlenraumes beweist sich durch speläogenetisch eindeutig interpretierbare Formenelemente:

1. Es gibt sogenannte Fließfacetten ("Scallops"), das sind muschelige, kleine Wandkolke, die durch die Lösungstätigkeit einer turbulenten Flüssigkeit entstehen.

2. Es gibt waagerechte Hohlkehlen an den Wänden ("Benches"), die die verschiedenen Stadien eines sich gravitativ einschneindenden Canyon markieren. Im Abschnitt "Flußhöhlencanyon" sind allein zehn solcher Hohlkehlen übereinander erhalten.

3. Die Höhlensohle mäandriert, die ehemalig scharfen Winkel der Kluftkreuze sind zu runden Bögen ausgeformt, typisch für fließende Gewässer.

4. Die Gangbreite variiert je nach Einschneidungsgeschwindigkeit, z. T. ist die Höhle zweietagig, d. h. sie ist nur am Grunde oder in Höhe der Firste passierbar. Beide Etagen sind durch einen nur handbreiten Schlitz verbunden.

5. Im alten Teil gibt es ehemalige Wasserfallkolke, dies sind erweiterte Stellen im sonst engen Gang, an denen Wasser aus einem höheren Canyonniveau in das nächsttiefere fiel. Hier kommt es wegen der größeren Turbulenz zu verstärkter Korrosion.

Alle diese Formenelemente zeigen eindeutig, daß die Lichtenstein-Höhle eine Canyonhöhle ist, eingeschnitten durch einen offen fließenden Bach. Das Mäandrieren des Baches führt besonders im Bereich zwischen Fiddi-Kluft und Flußhöhlengang zur Bildung von zwei Stockwerken. Die ursprüngliche Anastomose folgte der rheinischen Deckenkluft der Fiddi-Kluft, bog dann in Uwe's Schluf ab (hercyn), querte die Horstspalte (rheinisch), bildete die Grabkammer (hercyn), um dann unschliefbar mit rheinischen und hercynen Klüften oben in den Flußhöhlengang zu münden. Die Sohle des Canyons dagegen beginnt in der Fiddi-Kluft und benutzte die nächst östliche hercyne Spalte, um in die Horstspalte zu gelangen. Dabei unterschnitt der Bach eine Wand, wodurch ein großer Block an der hercynene Kluft abbrach. Der dabei entstandene Raum ist die heutige Horstspalte. Das Gerinne unterquerte die Grabkammer und mündete in Bernhard's Schluf, um über die enge Kehre und Kathrin's Spalte unten in den Flußhöhlengang einzumünden. Insgesamt scheint sich das Canyon um über 3 m eingetieft zu haben, dies sind jedenfalls die höchsten Raumhöhen im alten Teil.

Die Größe und Form der Fließfacetten erlauben ferner, die ehemalige Fließrichtung und annähernd die dabei entwickelte Geschwindigkeit des Wassers zu rekonstruieren. Der flachere Rand zeigt dabei in Richtung des Fließens und der Durchmesser der einzelnen Vertiefung ist umgekehrt proportional zur Fließgeschwindigkeit (CURL, 1975). Im mittleren Abschnitt der Höhle (Grabkammer - Kristallspalte) sind die Fließfacetten gut erhalten, nur die Grate sind etwas gerundet. Es zeigt sich, daß der Höhlenbach ostwärts, also auf den heutigen Eingang zu geflossen ist.

Die Fließfacetten haben eine Größe von 2-3 cm, was einer Fließgeschwindigkeit von ca. 80 cm pro Sekunde entsprechen könnte. An einer Stelle fanden sich 5--6 cm große Facetten, entsprechend ca. 30 cm pro Sekunde.

Dieser Interpretation entspricht, daß die Räume im neuen Teil der Höhle etwas großvolumiger sind, Zeichen für größere Lösungskraft. Außerdem fällt die Höhlensohle bis zur Blockkammer entsprechend dieser Fließrichtung ab. Von der Blockkammer zum heutigen Eingang steigt der Höhlenboden, was aber als sekundäre Auffüllung verstanden werden muß. Dies würde bedeuten, daß das Canyon unterhalb des heutigen Eingangs noch einige Meter in die Tiefe reicht. In der Tat kriecht man im Eingangsgang entlang der früheren Decke, die auf etwa gleicher Höhe bleibt, während sich der Boden zur Blockkammer senkt und so die Höhle auf Stehhöhe erweitert. Die Fließrichtung des Höhlenbaches war somit gegen das Einfallen des heutigen Sösetales gerichtet. Dies wird jedoch nur für höhleninterne Bildungsprozesse von Bedeutung sein; eine Fließumkehr des Sösetales zur Bildungszeit der Höhle kann hieraus jedoch nicht abgeleitet werden.

Hinsichtlich der Vorflut dürfte eine Wasserführung der - heute ja ständig trockenen - Höhle spätestens vor der weichselkaltzeitlichen Tiefenerosion des Sösebettes in die Mittelterrassenkiese gegeben gewesen sein. Die nachfolgende laterale Erosion des Sösetales hat den nordwestlichen Hangfuß des Lichtensteines um einige Meter bis Dekameter zurückverlegt und damit evtl. Fortsetzungen der Höhle abgetragen oder unterbrochen. Seit 2000 - 3000 Jahren haben sich. soweit erkennbar, keine Veränderungen der Raumformen - mit Ausnahme der Versinterung - ergeben.

Der Befund einer Canyonhöhle ist für den Südharzer Gips einmalig. Zwar gibt es einige aktive Gerinnehöhlen, wie das Trogsteinsystem, den Hubertuskeller, die Himmelreich-Höhle oder die Beiersteinschwinde; keine zeigt aber ausgesprochene Canyonprofile, sondern meist ganz flache, breite Gerinne. Noch erstaunlicher ist der Nachweis von Anastomosen, deren Entstehung in Kalkhöhlen auf Mischungskorrosion an Kluftkreuzungen zurückgehen soll.

Der Mechanismus der Korrosion infolge Mischung unterschiedlich karbonatsgesättigter Wässer ist für den Gips nicht möglich, da dessen Lösung nicht vom Kohlendioxyd-Druck und damit nicht von der Karbonatmischungskorrosion abhängt. Eine Art Mischungskorrosion könnte es zwischen steinsalzführenden gesättigten Gipslösungen und den auf der Kluft eindringenden vorerwähnten steinsalzfreien gesättigten Gipslösungen geben (REUTER und KOCKERT, 1971: 344 f.).

Oh sich damit die Bildung knapp 10 cm weiter Röhren über mehrere hundert Meter erklären Iäßt, ist ungewiß. Auffällig ist die tektonische Bindung der Höhle an den Harzwestabbruch. Noch heute treten in unmittelbarer Nähe neben Karstwässern des Zechstein 3, also aus dem lokalen Einzugsgebiet des Lichtenstein-Massivs und des angrenzenden Zechsteins auf der Harzscholle, auch stärker mineralisierte, steinsalzführende Tiefenwässer auf dieser großen Verwerfung zutage (Förster Mineralquellen). Steinsalzhaltiges Wasser könnte so in jüngster geologischer Vergangenheit aus einer der Verwerfungsquellen zur Verfügung gestanden haben. Auf den Austritt salzhaltiger Wässer am Nordfuß des Lichtenstein-Massivs deutet ja bereits der Gewässername "Salza". Die Lösungsfracht dieser Quellwässer setzt sich aus weitgehend gesättigten Karstwässern des Lichtenstein-Gebietes mit Einzugsgebiet voraussichtlich bis zur Wasserscheide im Hainholz/Düna und aus chloridischen Tiefenwässern des Gittelder Grabens zusammen.

Nach sehr ergiebiger Schneeschmelze wurde durch Einbruch eines kleinen Erdfalles im Frühjahr 1986 eine Quelle sichtbar, die - wie auch der Chemismus bestätigt - gipsgesättigte Grundwässer von der Basis des Hauptanhydrites schüttet. Es sind also Stauwässer auf dem Grauen Salzton, die den Lichtenstein nach Nordwesten entwässern (s. Geologisches Profi). Diese neue Quelle liegt ca. 10 m südwestlich der Heinfried-Höhle, des historischen Einstiegsschachtes zur Lichtenstein-Höhle. Die im Fels des Hangfußes austretende Quelle unterquert die hangparallele Spalte der Höhle und verschwindet in Richtung auf die Salza im Hangschutt nach ca. 2 m offenen Laufes. Die Schüttung liegt bei ca. 3 Liter in der Sekunde, im Herbst 1988 war die Quelle versiegt.

Die Quelle und ihre tektonische Position bedarf weiterer Erkundung. Sie Iäßt die Vermutung nicht ausschließen, daß weitere Hohlräume - anderer Genese als die Lichtenstein-Höhle - erwartet werden können. Auf die Genese der vorerwähnten Anastomosen der Lichtenstein-Höhle durch Mischungskorrosion von chloridischen Tiefenwässern mit gipsgesättigten Grundwässern des Hauptanhydrites könnte dieser neue Quellfund einen Hinweis geben. Es liegt die Vermutung nahe, daß zumindest die Anastomosen der Lichtenstein-Höhle einen fossil gewordenen Rest einer der verschiedenen Aufstiegsbahnen dieser Tiefenwässer darstellt, die hier dann spätestens noch während der Eem-Warmzeit zutage getreten sein dürften.

Noch schwieriger wird es, zu verstehen, warum der sonst so wasserdurchlässige und klüftige Gips sich wie ein Kalkstein verhielt und die Bildung einer Anastomose überhaupt möglich war. Hier stellen sich grundsätzliche Fragen der Speläogenese im Gips. Das Volumen der Höhle kann man auf 150 m│ schätzen (0,7 m Breite x 2 m Höhe x 110 m Länge). Die Dichte von Gips beträgt 2,32 g/ cm│, die Löslichkeit 2 g/l. Um 150 m│ Gips zu Iösen, benötigt man somit mindestens 170000 m│ Wasser, wenn hierzu völlig ungesättigtes Wasser in die Höhle fließt und dieses am Ende gesättigt die Höhle verläßt. Bei einem Fließquerschnitt von 0,5 m x 0,2 m und einer Geschwindigkeit von 20 cm/sec. würde die Phase der Höhlenenveiterung, also der Weiterbildung des Hohlraumes von den Anastomosen zum heutigen Querschnitt, lediglich einen Monat in Anspruch nehmen. Selbst wenn nur ein Zehntel der Sättigung in der Höhle erreicht wurde, hätte kaum ein Jahr zu ihrer Bildung ausgereicht. Nimmt man ferner an, daß der Fließquerschnitt kleiner war bzw. daß der Bach nur intermittierend floß, so kann trotzdem die Höhle in geologisch außerordentlich kurzer Zeit gebildet worden sein.

Diese rapide Geschwindigkeit der Höhlenerweiterung erklärt, warum Canyonhöhlen im Gips sonst nur aus ariden Gebieten bekannt sind, im humiden Bereich hätte eine fortgesetzte Höhlenerweiterung innerhalb weniger Jahrhunderte den gesamten Gipshang abgetragen. Die Canyonbildung muß daher in einer Zeit erfolgt sein, zu der ein nur geringes Wasserdargebot vorhanden war und in der gleichzeitig Mechanismen am Werk waren, die eine schnelle Tieferlegung der Vorflut, also des Sösetales, und damit eine Erhaltung der Höhle begünstigten, wobei die der Höhle zusitzenden Tiefenwässer und gegebenenfalls weitere Hangwässer einen tieferliegenden Austritt in das Sösetal gefunden haben.

Solche Perioden hat es während der Übergänge von einer Kaltzeit in eine darauffolgende Warmzeit gegeben. Unter Permafrost-Bedingungen ist eine Höhlen- oder Canyonbildung ausgeschlossen, da alle oberflächennahen Hohlräume (während der letzten Kaltzeit vermutlich bis zu 30 m Tiefe) mit Eis gefüllt waren. Die Taleintiefung des Sösetales ist unter solchen Permafrost-Bedingungen erfolgt, bis zu seinem heutigen Niveau ist der Talboden im nachherein mit dem Abtragungsschutt des rückwärtigen Harzgebirges verfüllt worden. Nach dieser Hypothese wäre die Fortentwicklung der Lichtenstein-Höhle zum heutigen (fossilen) Canyonprofil spätestens in die beginnende Weichselkaltzeit zu stellen und ihr Alter mit 50000 -100000 Jahren anzunehmen. Die beschriebene zeitliche, räumliche und genetische Verknüpfung der Lichtenstein-Höhle mit der Entwicklung des Sösetales bleibt vorerst hypothetisch. Eine zukünftige Ausgrabung der Höhle muß neben einer Untersuchung der Sedimentprofile auch eine Aufnahme der Raumformen, auch soweit diese in die Tiefe setzen, zum Ziele haben, begleitet von einer strukturgeologischen Untersuchung der oberflächennahen Schichten über dem Harzwestabbruch zwischen Lichtenstein und Sösebett.

Forschungsmöglichkeiten
Die extreme Enge der Lichtenstein-Höhle verbietet jede sedimentologische, paläontologische oder archäologische Ausgrabung vom jetzigen Eingang her. Überdies kann die Engstelle zwischen Horstspalte und Fiddi-Kluft (Uwe's Schluf) nur von Menschen unter 1,8 m Körperlänge passiert werden. Es empfiehlt sich daher die Anlage eines It. Vermessung maximal 5 m langen Tagesstollen, etwa im Bereich der noch ziemlich standfesten Fiddi-Kluft (s. Plan), von nicht mehr als einem Quadratmeter Querschnitt. In der Fiddi-Kluft ist durch rasches Tiefergraben auf einer Fläche von ein bis zwei Quadratmetern alsbald Stehhöhe herzustellen, die einen Grabungsfortgang unter humanen Arbeitsbedingungen ermöglicht. Eine Grabung sollte neben archäologischen und den o. a. geowissenschaftlichen auch anthropologische und zoologische Frage stellungen klären, dabei aber nur einen Teil der Höhle erfassen, dies wären vorzugsweise die statisch labilen Räume. Im Bereich Bernd-Saal und Reinhardsgrotte ist dabei eine grabungsbedingte Veränderung der Statik des Höhlengewölbes ggf. durch bergmännischen Ausbau aufzufangen. Der Stollen sollte nach Grabungsschluß verfüllt oder dauerhaft verschlossen werden.