Am 4. April 1945 explodierte in Herzberg
der NS-Rüstungsbetrieb „Kiefer“

Als 10 000 bis 12 000 Tellerminen detonierten

Dieses Repro zeigt das Werk in Herzberg wenige Monate nach der Explosion, als erst einige Straßen des Werksgeländes von den Trümmern freigeräumt worden waren. Repro: Matwijow

Am 4. April 1945 wurde Herzberg am Harz von einer schweren Explosion vom damaligen NS-Rüstungsbetrieb „Kiefer“ am Pfingstanger unterhalb des Schlossberges erschüttert. Mehr als zehn Arbeiter, darunter Zwangsarbeiter, starben an jenem frühen Aprilmorgen. Es starben auch vier der neun Herzberger freiwilligen Feuerwehrmänner, die einen in den Nachtstunden in dem Munitionswerk ausgebrochenen Brand zu löschen versuchten.

Es war genau 6.12 Uhr am Morgen des 4. April 1945, als das Werk in die Luft flog. Walter Hoppmann aus Herzberg, einer der neun Feuerwehrmänner aus Herzberg, kann diese Uhrzeit auch heute noch genau belegen: Die Uhr, die er damals trug, war auf 6.12 Uhr stehen geblieben, als er sich aus jenem Feuerlöschteich herausrappelte, in den ihn die gewaltige Explosionswelle geschleudert hatte. Er zog noch seinen Kameraden Ernst Deppe („Deppen Katz“), der bewusstlos im Wasser lag, mit heraus.

nach HarzKurier vom 4. Mai 1990

 

Seine eigene Beobachtung zu diesem Ereignis schilderte auch der Hattorfer Ortschronist Heinrich Barke in seiner Chronik von Hattorf, Teil II.:

„ Besonders Glück hatte die Stadt Herzberg bei der Explosion der Dynamitfabrik. Etwa um 13.00 Uhr erfolgte die erste Kesselexplosion. Nach meiner Ansicht nicht durch Feindeinwirkung, denn es wurde kein Flieger gesehen. Ich selbst war auf der DAG beschäftigt und hatte Frühschicht. Als ich mit dem Rade durch die Aue fuhr, sah ich, daß in der Richtung der Dynamitfabrik ein Feuer brannte. Als ich vor Herzberg aus der Aue kam, geschah die große Explosion. Etwa 12-tausend Minen explodierten auf einmal und legten die ganze Fabrik in Trümmer. Es war ein großes Feuerwerk und ein ganz schöner Rauchpilz, als die brennenden Minen dann wieder zur Erde fielen. Auch hier kamen etwa 16 Menschen ums Leben, darunter Heinrich Kirchhof, Hattorf, Rothenstraße. Ich selbst hatte Glück, denn gerade an diesem Tage hatte ich die Zeit verschlafen.“

Lageplan

Klicken Sie in die Auswahlbereiche um den jeweiligen Kartenausschnitt zu vergrößern


Internationaler Tag des Wassers 2013 – Umweltverbände und Umweltärzte: Dringender Handlungsbedarf an der Rüstungsaltlast „Werk Kiefer“ in Herzberg am Harz – Giftstoffe sickern in den Untergrund und belasten das Pöhlder Becken – Gefahr seit 1987 bekannt

Herzberg am Harz. Am Fuße des berühmten Fachwerkschlosses zu Herzberg am Harz (Landkreis Osterode am Harz) befindet sich im Siebertal hinter dem Bauhof der Stadt eine alte Munitionsfabrik aus der Zeit des Nationalsozialismus. Betrieben wurde diese seinerzeit unter dem Decknamen „Werk Kiefer“ von einer Tochterfirma der ehemaligen Dynamit Nobel AG (DAG). Bevor im April 1945 eine verheerende Explosion das Ende der Fabrik besiegelte, wurden dort im Auftrag des Deutschen Reiches unter Verwendung von flüssigem Trinitrotoluol (TNT) Tellerminen und Granaten produziert.

Der Betrieb zur Herstellung und Weiterverarbeitung von Munition und Munitionsteilen sowie der Umgang mit Sprengstoffen waren nie unproblematisch. Nicht nur der Umgang mit den brisanten Rohstoffen und Endprodukten war gefährlich, auch die Entsorgung kontaminierter Abwässer stellte die damaligen Ingenieure vor ein unlösbares Problem. Während das „Werk Tanne“ in Clausthal-Zellerfeld seine Abwässer in die Bremke leitete und so das Wasser der Leine bis Hannover verunreinigte, führten Abwasserleitungen des „Werkes Kiefer“ in den dortigen Mühlengraben, der direkt in die Sieber entwässert. TNT und andere aromatische Kohlenwasserstoffe der Sprengstoffherstellung kontaminieren bis heute den Mühlengraben und darüber hinaus andere Bereiche wie das Gießhaus und den Verbrennungsplatz. Diese Substanzgruppen sind giftig und weisen durch ihre krebserregenden und erbgutverändernden Eigenschaften ein unverändert hohes Gefahrenpotential für die Bevölkerung auf.

Das Gelände ist aus diesem Grund mit einem Zaun abgesperrt, aber der hält die Schadstoffe nicht zurück. Der Untergrund des Mühlengrabens besteht nämlich aus gut durchlässigen Schottersedimenten, die die Schadstofffracht schnell weiter transportieren. Kiesige Niederterrassensedimente stehen auf verkarstetem Zechstein an, wodurch ein Transport in tiefere Grundwasserstockwerke gegeben ist. Bereits 1913 wurde durch den Geologen Thürnau auf den Grundwasserkontakt zum Pöhlder Becken und damit zur Trinkwasserversorgung von heute 20.000 Menschen hingewiesen. Vor diesem Hintergrund ist eine Kontamination des Sickerwassers im Herzberger Mühlengraben mit bis zu 13 mg TNT/l als eindeutig gefährlich einzustufen. Dieses Gefährdungspotential ist spätestens seit 1987 durch Gutachten bekannt. An mehr als 20 Messpunkten wurden damals am Pfingstanger die hochgiftigen Verbindungen Trinitrotoluol, Dinitrobenzol, Nitropenta, Hexogen und Pikrinsäure im Boden gefunden.

1998 formulierte es der Gutachter Dr. Peter Molde in einer Expertise wie folgt: „Aufgrund der o. a. Zusammenhänge und der zum Teil sehr hohen Gehalte an explosivstoffspezifischen Parametern in Boden und Wasser geht vom Standort eine akute Gefährdung für Mensch und Umwelt aus. Es besteht nach wie vor für diesen Standort akuter Handlungsbedarf, um die Schadstoffherde zu beseitigen und um damit den Kontaminationspfad zu unterbrechen. Denn wie bereits eingangs erwähnt besteht, aufgrund der geologischen Situation auch für das Pöhlder Becken — mit mehreren Trinkwasserfassungen — eine erhebliche Grundwassergefährdung.“

Eine solche Formulierung ist das deutlichste, was ein geologischer Gutachter formulieren kann. Die Behörden haben danach sofort zu handeln! Die damalige Landesregierung setzte dann auch den Pfingstanger in der Prioritätenliste der nötigen Sanierungen nach ganz oben. Doch seitdem ist nur Papier bewegt worden und kein einziger Sanierungsschritt ist erfolgt!

Dass eine Sanierung zum Schutz der Bevölkerung und der Umwelt dringend geboten ist, steht also außer Frage. Ungeklärt ist jedoch bis heute, wer die dabei anfallenden Kosten zu tragen hat. Laut Bundesbodenschutzgesetz muss der Verursacher einer Bodenverunreinigung für die Sanierung aufkommen. Genau das ist Anlass einer seit vielen Jahren andauernden gerichtlichen Auseinandersetzung zwischen dem Rechtsnachfolger der DAG, der Grundstücksgesellschaft IVG und dem Landkreis Osterode am Harz. Die IVG bestreitet ihre Zuständigkeit und verweist in diesem Zusammenhang auf die Tatsache, dass die DAG damals im Auftrag des Deutschen Reiches gehandelt habe, dessen Rechtsnachfolger die Bundesrepublik Deutschland ist, die demzufolge statt ihrer für die Sanierungskosten aufzukommen habe.

Zuständige Bodenschutzbehörde ist der Landkreis Osterode am Harz. Die Kreisverwaltung hatte der IVG als Alteigentümer bereits 1992 die Auflage erteilt, das verseuchte Erdreich abzutragen und zu entsorgen. Doch die IVG wollte nicht bezahlen und ging vor Gericht. 2001 kassierte das Bundesverfassungsgericht zwei Entscheidungen und verwies das Verfahren zurück an das OVG Lüneburg. Dort ruht die Auseinandersetzung seit über zehn Jahren.

Die Tatsache, dass im Rechtsstreit „Werk Kiefer“ noch immer keine Entscheidung gefällt ist, die zu einer dringend erforderlichen Gefahrenabwehr führt, ist aus Gründen des Schutzes der Umwelt und auch der menschlichen Gesundheit ein Skandal und nicht akzeptabel. BUND, NABU, der Verein für Umweltschutz Herzberg e.V., Dr. Wolfgang Baur für den Ökologischen Ärztebund und der Verein Spurensuche Harzregion e.V. fordern daher eine unverzügliche Wiederaufnahme des Verfahrens, um endlich eine Sanierung des Geländes vornehmen und einen angemessenen Trinkwasserschutz gewährleisten zu können. Auch die neue niedersächsische Landesregierung ist hier in der Pflicht.

BUND, Dr. Friedhart Knolle und Pascal Meyer

NABU Osterode am Harz, Wolfgang Rackow und Ursula Glock-Menger

Verein für Umweltschutz Herzberg e.V., Jürgen Menge

Dr. Wolfgang Baur, Ökologischer Ärztebund

Spurensuche Harzregion e.V., Dr. Peter Schyga und Michael Ohse

Linktipp:

[ Grundwassergefährdung durch Rüstungsaltlasten am südwestlichen Harzrand - Beispiel ehemalige Munitionsfabrik Herzberg ]