Der „Harz-Rigi“ – Zur Geschichte eines Berges und seiner Gaststätte

- von Peter Kuhlbrodt -

Die allen Nordhäusern bekannte Gaststätte „Harz-Rigi“ sowie der Berg auf dem sie sich erhebt, besitzen ihre eigene Geschichte. Der Besucher, der, hier in gemütlicher Runde sitzend, den Ausblick bis weit in die Goldene Aue, zum Kyffhäuser, Kohnstein und über die Berge des Südharzes genießt, sollte sich bisweilen dieser Vergangenheit erinnern.
Unterhalb der 316 Meter hohen Erhebung nördlich von Nordhausen und dicht über Petersdorf erstreckt sich das „Kirchholz“.
Ähnlich wie bei „Wildes Hölzchen“ deutet die Bezeichnung auf die ursprünglichen Besitzer hin, die mittelalterliche Gewandschnitter-Familie der Kirchhofs. Diese traten im Jahre 1428 in der Geschichte der Stadt Nordhausen unrühmlich hervor. Am 9. Dezember entwendete Ratsherr Hans Kirchhof mit zwei Komplizen aus dem Rathaus die für einen Feldzug gegen die Hussiten gesammelten Gelder. Der Vater des Ratsherrn, Apel Kirchhof, besaß einflußreiche Stützen in seinem Sohn Gerke und seinem Schwiegersohn Kurt Berchte, so daß der Rat sich zunächst nicht an eine nähere Untersuchung des Falles wagte. Nachdem aber Unruhen in der Stadt ausgebrochen waren, wurden die Schuldigen im Jahre 1430 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Während der Vater von Weißensee aus vor dem Landgericht des Landgrafen einen Prozeß gegen die Stadt führte, begannen Gerke und sein Schwager Berchte mit Unterstützung verschiedener Adliger einen regelrechten Krieg gegen die Stadt, der erst 1443 mit einem Vergleich ein Ende fand.1)

Die Familie Kirchhof erhielt ihre Besitzungen, darunter auch das „Kirchhofholz“ zurück. Der Wald ging aber später in städtischen Besitz über. Als am 12. August 1612 ein verheerendes Feuer große Teile Nordhausens zerstörte, unterstützte der Rat den Wiederaufbau, indem er die Hälfte des Waldbestandes des „Kirchhofholzes“, angeblich etwa 5000 Eichenstämme, opferte.

Jahrhundertelang diente die unbewaldete Bergkuppe den Nordhäusern und Petersdorfern als Viehweide. Wohl mag so mancher Bürger, Bauer oder Tagelöhner hier verweilt haben, um für kurze Zeit Ruhe zu finden von der schweren Last der Tagesarbeit und sich an der Aussicht zu erfreuen. Geschichtlich interessant wird das „Kirchholz“ jedoch erst wieder in der stürmischen Zeit der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49, als auch in unserem Kreisgebiet Handwerksmeister, Gesellen und Tagelöhner, ländliche Bevölkerung und kleinbürgerliche Demokraten leidenschaftlich gegen die Adelsvorrechte und für einen einheitlichen bürgerlich-demokratischen Nationalstaat stritten. Was Kleinstaaterei bedeutete, wußten die Südharzer aus eigener Anschauung am besten. Für den Nordhäuser war der Petersdorfer ein „Ausländer“, dieser ein Untertan des Königreiches Hannover, jener ein Preuße.

Seit dem Frühjahr 1848 trafen sich die Einwohner der Dörfer und Kleinstädte, bei denen ein reges politisches Interesse erwacht war, regelmäßig in Volksversammlungen, redeten sich die Köpfe heiß, schmiedeten Pläne und sandten Erklärungen an Regierungen und Parlamente. Die beliebtesten Versammlungsplätze waren der Hohnsteinsche Zoll an der Straße von Krimderode nach Niedersachswerfen, der Reesberg bei Görsbach, das Neue Haus bei Werna2), der Burgberg bei Ellrich - und das „Kirchholz“ bei Petersdorf. Wer damals zum „Kirchholz“ wollte, hatte vom Dorf aus einen schlechten Hohlweg emporzuklimmen und gelangte auf einen kahlen, nur spärlich mit Gras bewachsenen Berg. Die ganze Trift am „Kirchholz“ diente den Petersdorfer und Nordhäuser Schweinen und Schafen als gemeinsame Weide. Später wurde die Stadt im Zuge der Separation für die Weidegerechtsame durch anderes, näher gelegenes Land entschädigt.

Auch die Nordhäuser Demokraten nahmen an den Volksversammlungen beim „Kirchholz“ regen Anteil. Die städtische Handwerkerkompanie und die Leimbacher Bürgerwehr zogen unter Fahnen und mit Musikbegleitung auf den Berg. Es heißt, der Leimbacher Kantor Pabst und ein junger Student, „dessen Name der Nachwelt nicht erhalten blieb, hielten auf der luftigen Höhe freiheitsdurchglühte Reden“3). Der Name des Studenten ist indessen doch bekannt, aber vielleicht wollte man im Jahre 1910 nicht darüber sprechen, denn der Betreffende, Johannes Miquel, als Student ein radikaler Demokrat, dann in Göttingen 1852 sogar Mitglied des Bundes der Kommunisten, der im Briefwechsel mit Marx stand und in Übereinstimmung mit ihm und der Zentralbehörde handelte, trat später auf die Seite der Bourgeoisie über, wurde Bankier, preußischer Finanzminister und vom König geadelt.4) Sein Auftreten 1848 gerade in der hohnsteinschen Volksversammlung hing damit zusammen, daß sein Bruder Franz Wilhelm von der hannoverschen Regierung wegen radikaler politischer Betätigung Anfang 1848 als Gymnasiallehrer von Aurich an das Pädagogium Ilfeld strafversetzt worden war.5) Die wichtigste Persönlichkeit unter den kleinbürgerlichen demokratischen Kräften war zweifellos Kantor und Volksschullehrer Gottfried Pabst aus Leimbach, 1848 Abgeordneter des Kreises Hohnstein (Ilfeld) in der zweiten Kammer zu Hannover.6)

In den folgenden Jahren war das „Kirchholz“ den Demokraten ein liebgewordener Ort, gewissermaßen geheiligt durch die Ereignisse der Jahre 1848 und 1849. Nun herrschte wieder die Reaktion, deren eifriger Diener in Nordhausen der neue Bürgermeister Ullrich war.7) Die enttäuschten Demokraten aber machten besonders gern einen Spaziergang zum „Kirchholz“, auf diese Weise die Tradition von 1848 hochhaltend. Daher entschloß sich ein geschäftstüchtiger Petersdorfer Gastwirt, Wilhelm John, dort oben ein Sommerlokal zu errichten. Da aber der Grund und Boden der Gemeinde Petersdorf gehörte, stellte John Anfang des Jahres 1860 bei der Gemeinde einen Antrag. Der Gemeindevorstand erteilte auch die Genehmigung, wie folgendes Protokoll beweist:

„Petersdorf, den 2. März 1860

In der heutigen Gemeinde-Versammlung, zu welcher rechtzeitig unter Angabe des Zweckes eingeladen war, sollte über den folgenden Antrag des Herrn Wilhelm John Beschluß gefaßt werden.
Derselbe beantragt auf dem Kirchholz zur Erbauung eines Sommerlokals, behufs der Bebauung einer Sommergastwirtschaft eine Fläche Anger zu erwerben. Die Gemeinde beschloß mit der Feststellung der näheren Bedingung und Vorbehalt die Genehmigung.

Der Pachtpreis beträgt 5 Taler.

Börsch, Bauermeister
Feudel, Vorsteher
Lutze, Vorsteher.“8)


Die Gaststätte „Harz-Rigi“ 1860

Schon nach einem Vierteljahr war das kleine Gasthaus erbaut (Abb.), und in der „Nordhäuser Zeitung“ fand sich folgende Anzeige:
„Juli, 1. 1860
Einweihung

Einem geehrten in- und auswärtigen Publikum die Anzeige, daß Sonntag und Montag, den 1. und 2. Juli, die Einweihung meiner auf dem Petersdörfer Berge (dem sogenannten Kirchholze) erbauten

Sommer-Restauration

unter Begleitung von Unterhaltungsmusik stattfindet, wozu freundlich einladet

W.John in Petersdorf.“9)

Die Einweihungsfeier fiel aus dem Rahmen des sonst Üblichen und trug vielleicht sogar eine politische Note. Es heißt, daß die Veranstaltung durch den Gesang der Nordhäuser „Liedertafel“ eine „besondere Weihe“ erhielt. Vermutlich waren stadtbekannte Demokraten zur Einweihungsfeier erschienen, der Kreis um Baltzer, Kaufleute, Lehrer und Handwerksmeister. Einer der Stammgäste, Gymnasiallehrer Nitzsche, soll den Berg den Namen „Harz-Rigi“ gegeben haben. Daß sich auch Ludwig Nitzsche gern an diesem Ort aufhielt, ist nicht verwunderlich. In der Vormärzzeit war er ein Opfer der sogenannten Demagogenverfolgung geworden und hatte 1848/49 im kleinbürgerlich-demokratischen Lager Nordhausens eine Rolle gespielt.10) Er also soll einmal bei einem Besuch auf dem „Kirchholz“ ausgerufen haben, daß es hier oben wie in der Schweiz sei, so, als wenn man sich auf dem Rigi befände. Seitdem tragen Berg und Gaststätte den Namen „Harz-Rigi“, obwohl später auch die Bezeichnung „Kleiner Brocken“ aufkam.

Das Hissen einer Fahne zeigte den Nordhäusern an, daß die Gaststätte geöffnet hatte. Die  „Liedertafel“, deren Mitglied John wurde, kam hier oftmals zusammen. Anfangs gab auch die Nordhäuser Stadtkapelle Konzerte, bis sich die Gehege-Wirte über die Konkurrenz beschwerten.

Als im Jahre 1866 Krieg zwischen Preußen und Hannover ausbrach und der „Harz-Rigi“ für die Nordhäuser zum „feindlichen Ausland“ wurde, beeilte sich der Gastwirt, mittels einer Anzeige im  „Nordhäuser Courier“ vom 8. August 1866 allen seinen Gästen seine Neutralität zu erklären:
 

„Harz-Rigi

Einem in Nordhausen verbreiteten Gerücht, ich verweigerte meinen geehrten Gästen Nordhausens aus politischen Gründen meine gehorsamste Aufwartung als Wirt und Restaurateur, trete ich mit der Bitte entgegen, die Verbreitung solcher Unwahrheiten zu unterlassen, vielmehr mich durch recht zahlreichen Besuch zu erfreuen. Ehrenwerte Gäste, gleichviel ob Hannoveraner oder Preußen, sind mir herzlich willkommen und werde ich es mir jetzt recht zur Aufgabe machen, zur höchsten Zufriedenheit zu bedienen.

Hochachtungsvoll
W. John
Wirt zum Harz-Rigi und Petersdorf“11)

Der Krieg fand jedoch ein schnelles Ende und damit auch die Kalamität für  „Harz-Rigi“.

Etwa fünf Jahre später erhielt der Gastwirt den Grund und Boden als Eigentum. Am 15. Dezember 1897 kaufte August Wille die Schenke in Petersdorf (heute „Harzpforte“) mit dem dazugehörigen „Harz-Rigi“ und eröffnete am 1. Januar 1898. Der neue Besitzer, auch der „Kleine Brocken-Wirt“ genannt, war zuvor längere Zeit Oberkellner gewesen. Im Jahre 1900 wurde der „Harz-Rigi“ durch den Anbau eines Saales mit Veranda vergrößert (Abb.), 1913 durch Errichtung einiger Fremdenzimmer, 1938 durch Aufschütten der Terrasse auf der Gartenseite und weitere Anbauten. Bis zu dieser Zeit bildete der Wassermangel ein ernstes Problem.


Der „Harz-Rigi“ um 1900


Das Grab Dr. Silberborths unterhalb des „Harz-Rigi“

Sämtliches Wasser mußte auf den Berg gefahren oder getragen werden. Da auch Petersdorf häufig unter Wassermangel zu leiden hatte, wurde im Jahre 1906 auf dem „Harz-Rigi“ ein Hochbassin angelegt.

Die Gaststätte übte auf das Nordhäuser Bürgertum unvermindert ihre Anziehung aus. Mittwochs zum Beispiel war „Beamtennachmittag“. Ein häufiger Gast war der Heimatforscher Dr. Silberborth (1887 - 1949). Seine letzte Ruhestätte befindet sich, seinem Wunsch entsprechend, am Rande des Wäldchens unterhalb des „Harz-Rigi“ (Abb.).

Besonderen Zuspruch fand alljährlich das Fest der Walpurgisnacht.

Da der „Harz-Rigi“ auch „Kleiner Brocken“ genannt wurde, wollte man nach dem Vorbild des großen Bruders den Ritt der Hexen auf dem Blocksberg darstellen. Der Wirt im Teufelskostüm, Hexen, auf Besen reitend, umtanzten ein großes Feuer.

Am 1. Januar 1935 übernahm der Sohn des alten Gastwirts, Kurt Wille, den „Harz-Rigi“ und leitete ihn rund 35 Jahre. Als er ihn aus Altersgründen schließen mußte, glaubte mancher das Ende der Gaststätte zu sehen. Doch es kam anders. Im Jahre 1971 begann mit Unterstützung mehrerer volkseigener Betriebe bzw. genossenschaftlicher Einrichtungen eine Neuausgestaltung, der sich ein großzügiger Um- und Erweiterungsbau von 1972 bis 1975 anschloß. So wurde dieser traditionsreichen Gaststätte, die jetzt Frau Ursula Liebram leitet, ein fester Platz in unserer Gesellschaft zuteil, allen Werktätigen und Gästen der Stadt zur Erholung dienend.


Der „Harz-Rigi“ 1979

GPS-Koordinaten
N 51.5272° E 10.8189°

Anmerkungen
 
1)
Vgl. Silberborth, H., Geschichte der Freien Reichsstadt Nordhausen. In: Das tausendjährige Nordhausen, Nordhausen 1927, S. 180 ff.
2)
In der Nähe von Werna fanden bei dem Neuen Haus 1848 Volksversammlungen statt, zu denen der damalige Wernaer Gastwirt Blankenhagen die Bewohner der Umgegend aufrief.
3)
Felz, R., Festzeitschrift zum 50jährigen Jubiläum des „Harz-Rigi“ bei Petersdorf und Nordhausen am 12. Juni 1910.
Hrsg. von A. Wille, S. 9.
4)
Johannes Miquel (1828 - 1901) hatte in Heidelberg studiert, als die Revolution ausbrach. Er wurde Anhänger der radikalen Demokraten Hecker und Struve, an deren Unternehmungen Miquel teilnahm. Er studierte die Schriften von Fourier, Marx und Engels und trat in die Volksversammlungen im Sinne der radikalen Demokraten auf. 1850 bis 1852 war Miquel in Göttingen Mitglied einer Gemeinde des Bundes der Kommunisten. 1859 wurde er Mitbegründer des Nationalvereins und 1867 einer der Führer der Nationalliberalen Partei, 1870 Direktor der Disconto-Gesellschaft, 1890 bis 1901 preußischer Finanzminister.
5)
Franz Wilhelm Miquel gehörte bis zu seiner Ausweisung Ende 1848 zu den politisch führenden Kräften der kleinbürgerlichen Demokratie im Kreis Hohnstein (Ilfeld).
6)
Gottfried Pabst, geboren 1810 als Sohn eines Schuhmachers in Niedersachswerfen, verheiratet mit mit Johanne Dorothee Amalie Sachse aus Nordhausen
(Register der St.-Martini-Kirche zu Leimbach).
7)
Er kam aus Eisleben und wurde am 30.12.1851 in sein Amt eingeführt.
8)
Zitiert nach Felz, R., a. a. O., S. 10 f.
9)
Zitiert nach ebenda, S. 11
10)
Vgl. Stadtarchiv Nordhausen, Akte DC II 58. Ferner wurde aus der handschriftlichen Emmertschen Chronik, die heute verschollen ist, zum Datum des 27. September 1832 folgende Mitteilung überliefert: „Der Sohn des Waisenvaters Nitzsche wird auf Requisition von Würzburg aus wegen demagogischer Umtriebe auf das Neuwegstor gesetzt. Im Dezember kommt er wieder frei“ (Nordhäuser Courier, 1895, Nr. 20). Nitzsche war mit den ebenfalls verfolgten Nordhäuser Medizinstudenten Carl und Wilhelm Hoffbauer befreundet.
11)
Zitiert nach Felz, R., a. a. O., S. 13.