Sagenumwobene Seen

Unbekannte Erdfälle am Südharz 1)

Im Sperrgebiet an der Grenze der DDR zur Bundesrepublik liegende Dörfer wie Liebenrode, Steinsee oder Klettenberg sind dem westdeutschen Besucher z. Z. unzugänglich und meist nicht einmal dem Namen nach geläufig. Noch unbekannter ist deshalb die an Schluchten und romantischen Felsgebilden reiche Erdfallzone bei Steinsee und Klettenberg.

Aber gerade dort findet sich eine große Vielfalt von landschaftlichen Reizen und Naturschönheiten, und man wird an alte Sagen von der Entstehung und Funktion dieser oft trichterförmigen Seen erinnert. Bei manchen kommt es sogar vor, daß sie nur zu Zeiten mit Wasser gefüllt sind, dann aber wieder lange trocken bleiben. Dann verschwindet das Wasser gar ganz, und an einer anderen Stelle entsteht über Nacht plötzlich ein neuer kleiner See.

Nun, ich bin der Sache einmal nachgegangen, habe mir Gedanken darüber gemacht und auch einiges nachgelesen. Hören wir einmal, was Carl Duval im Jahre 1841 zu berichten weiß! In einem Aufsatz über Klettenberg schreibt er 2):

"In das Dorf kommt von Neuhof ein Bach herunter, welcher in demselben mehrere Mühlen treibt. Gleich unter der letzteren, der Herrenmühle, zieht sich das Wasser in einen Kalkberg, der südlich vom Schlosse liegt und sehr vom Wasser unterhöhlt zu sein scheint, da sich, außer einem tiefen Risse, mehrere Erdfälle daran zeigen. Nach einer guten Strecke kommt er wieder hervor und treibt die Steinmühle. Nicht weit von derselben liegt das Creissloch, ein tiefer Erdfall, von welchem Eckstorm erzählt, daß es entstanden sei, als 1531 in Spanien starke Erdbeben gewesen."

Der hier von Duval zitierte Heinrich Eckstorm war seit 1591 Rektor der 1669 eingegangenen berühmten Klosterschule zu Walkenried und von 1613 bis zu seinem Tode 1622 Prior daselbst; er veröffentlichte neben einer bekannten Klosterchronik 1620 in Helmstedt ein Werkchen über Erdbeben, die "Historiae terraemotuum". Es ist so selten geworden, daß Duval in seinem Text nicht nach Eckstorm zitiert, sondern nach G. H. Behrens bzw. B. v. Rohr 3). In der Herzog-August-Bibliothek zu Wolfenbüttel befindet sich noch ein Exemplar mit vielen eigenhändigen Notizen des Herzogs August d. J., des Gründers dieser Bibliothek. Dort heißt es:

"Etwa um jene Zeit oder jedenfalls nicht viel später (d. h. um 1531) brach auf einer recht schönen Wiese im Gebiet der Grafschaft Clettenberg etwa eine halbe Meile von Walkenried ein kreisförmiger Erdfall ein und füllte sich sogleich vollständig mit Wasser. Ein Hirt hütete dort zufällig sein Vieh, als er Wasser zu seinen Füßen bemerkte, trieb er eilig sein Vieh von dannen und zurückblickend sah er keine Wiese mehr, sondern einen See. Seine Tiefe war zunächst gegen 40 Klafter 4), jetzt sind es kaum 20: ringsherum füllt nämlich die vom Ufer abrutschende Erde den Trichter auf. Dieser See ist reich an Fischen, die mit Netzen, Reusen und Angeln gefangen oder auch mit Bleikugeln und Flinten geschossen werden. Es gab damals in Clettenberg einen Bedienten der berühmten Grafen von Honstein, den man den Richter nannte. Sein Amt war, den Untertanen die Herrendienste anzusagen und sie dazu anzutreiben, Missetäter gefangenzunehmen und zu bestrafen. Der Mann hieß Creissius. Dieser schied damals gerade aus dem Leben, und weil er gottlos war, sagte er, er werde in jenen See fahren. Daher hat der See noch heute seinen Namen, indem er das "Creissloch" genannt wird, was soviel heißt wie locus Creissii: Ort des Creissius."

Wie schon gesagt, wurde dieser Bericht Eckstorms u. a. von Behrens in dessen sehr verbreitete "Hercynia curiosa" fast wörtlich, jedoch mit einigen willkürlichen Ausschmückungen übernommen, und von Behrens schrieben wieder Bernhard von Rohr, Duval und andere ab, so daß heute keiner mehr so recht weiß, was an diesen späteren Niederschriften authentisch ist. Duval z. B. malt die Geschichte des "gottlosen Creissius" folgendermaßen aus:

"Er lebte wüst und gottlos, und als einst der Pfarrer von den bösen Geistern predigte, welche in die Säue fuhren, verspottete Creissius den Prediger und meinte: sein Geist solle in den Erdfall fahren. In derselben Nacht starb er, und die Einwohner sahen ihn seitdem jeden Abend mit schneeweißem Antlitze und gerungenen Händen um den Erdfall herumirren, der deshalb Creissens Loch oder das Creissloch genannt wurde 5)."

Es grenzt schon ein wenig an Verleumdung, was Duvals Phantasie dem Creissius andichtet. Trotz alledem sind die alten Erzählungen lesenswert, und es verbirgt sich eine ganze Menge Wissenswertes dahinter.

Um die Entstehung des von Neuhof über Klettenberg nach Holbach fließenden Mühlbaches, wo er dann in die Ichte einmündet, weiß man nichts Genaues. Es handelt sich bei ihm um einen als Zweig des Sachsengrabens (Uffe) künstlich angelegten Graben. Er trieb allein auf Klettenberger Flur sieben Mühlen, die Holbacher gar nicht gerechnet. Zwischen Branderode und Klettenberg durchquert er ein Wäldchen, der Vogelgesang genannt, das auf einem grabenförmigen Erdfall angelegt wurde. Seit Jahrhunderten fließt dort bereits ein Teil des Wassers unterirdisch weg. Man wollte wissen, daß dieses Wasser in einer Quelle oberhalb des "Hellers", eines Erdfalls unweit des ehemaligen Pfarrhauses in Klettenberg, wieder austrat, weil man einen Zusammenhang mit der Wasserführung des Mühlbaches und der Quelle beobachtet hatte. Diese unscheinbare Quelle war einmal sehr wichtig. Es gibt Nachrichten aus dem 18. Jahrhundert 6), nach denen der damalige Pfarrer in Klettenberg dieses Stück Land mit der Quelle gegen Abgabe eines wesentlich größeren im sog. "Großen Schloßgarten" eintauschte. Die Sache war die: die Burg und dazu das Pfarrhaus hatten keinen einzigen Brunnen. Der Gipsstock, auf dem die Burganlage ruht, im Norden und Süden von vielen kleinen Erdfällen flankiert, ist grundwasserlos. Die Grafen ließen sich, um die Wasserversorgung der Burg zu gewährleisten, eine Wasserkunst einrichten (der nähere Zeitpunkt ist unbekannt), die in veränderter Form die Jahrhunderte überdauert hat und bis 1936 in Betrieb war. Am äußeren Ende der Rehgasse (von Röhrgasse - Rehrgasse) findet sich das Pumpgebäude der Kunst. Dort lief der Mühlbach über ein Rad, das die Pumpgestänge trieb und dadurch Wasser in das oberhalb auf dem Kunstberg gelegene Kunsthäuschen pumpte. Dort wurde das Wasser zunächst gesammelt, um danach in einer Rohrleitung in natürlichem Gefälle in den Schloßgarten geleitet zu werden, von wo es in gleicher Steigung bis in die Burg floß. Hier wurde es in einer großen Zisterne gesammelt; der Überlauf wurde anschließend über eine zweite Leitung in eine zweite, in der Vorburg befindliche Zisterne geführt. In Klettenberg wird noch heute ein Ortsteil "Holland" genannt; ob er wohl mit der Erbauung der Kunst bzw. des Mühlbaches etwas zu tun gehabt hat?

Das Creissloch oder Kreisloch, von dem Eckstorm berichtet, ist heute nicht mehr zu sehen. Die Erosion hat es im Laufe der Zeit immer kleiner werden lassen; vor allem ist der Kalkberg, von dem Duval erzählt, immer mehr in sich zusammengefallen und hat so nach und nach das Kreisloch verschüttet. Übrigens hat der Mühlbach an der Stelle, an der er aus dem Berg wieder austritt, im Winter eine höhere Temperatur als beim Eintritt. Darauf ist das Phänomen zurückzuführen, daß die Steinmühle im Winter auch dann nicht einfror, wenn überall dicke Eisschichten Bäche und Teiche bedeckten. Ich erinnere mich, als Kind einmal eine solche Situation erlebt zu haben.

Nach Eckstorm ist das Kreisloch 1531 eingebrochen. Demnach müßte jener Creissius um die Zeit des Bauernkrieges gelebt haben. Eckstorm berichtet auch, daß es seine Aufgabe gewesen sei, die Frondienste zu überwachen, d. h. er war offenbar Fronvogt. Das könnte die negative Tendenz der Erzählung, insbesondere der Gespenstergeschichte von Duval erklären. Wenn er sie nicht ganz frei erfunden hat, läßt sich die Entstehung dieser Sage aus dem Wunsch der Fronbauern erklären, diesen Menschen der gerechten Strafe für die erniedrigende Ausbeutung durch ihn zugeführt zu sehen. Die etwas abwegige Erfüllung dieses Wunsches in der Sage wäre aus der Niedergeschlagenheit der Landbevölkerung in der Zeit unmittelbar nach der Niederlage bei Frankenhausen zu verstehen.

Aber wenden wir uns nochmals Eckstorm zu. Er schreibt weiter 7) :

"Nicht weit von diesem See gegen Abend sind in den Bergen fünf gleichartige, ziemlich tiefe Erdfälle, die im oberen Teil wasser frei sind, im unteren aber bis zu einer hindurchgelegten Ebene ziemlich tiefes und an Fischen reiches Wasser führen. Die Einwohner des benachbarten Dorfes Liebenrode fangen diese nicht ohne Mühe und Gefahr. Den Teichen dieser Gegend hat man eigene Namen gegeben; sie heißen nämlich 1. Die Reffelsee, die eine Teuerung ankündigt, wenn sie mit Wasser gefüllt ist; 2. Die Milchsee. 3. Eligegrabenthal 8). 4. Die Oppersee. 5. Der Wiederteuffer Loch, so genannt, weil darin drei Ellricher Wiedertäufer ersäuft seien, dessen Wasser steigt nicht noch fällt es."

Kartenskizze der Erdfallseen von Liebenrode (Südharz)

Zeichnung:
F. Reinboth

Die Liebenröder Trichterseen, um die es sich hier handelt, sind der Bevölkerung der umliegenden Orte nicht unbekannt, obwohl sie etwas abseits und versteckt liegen. Sie werden immer wieder gern aufgesucht und zum Angeln genutzt. Schmale, in die Hänge eingegrabene Wege sowie eine kleine Brücke ermöglichen es, einen um den anderen der eng aneinanderliegenden Seen zu umwandern. Lediglich der Röstesee (bei Eckstorm "Reffelsee") und das Wiedertäuferloch liegen isoliert.

Der Reihe nach geordnet sind es sechs Seen, die erwähnenswert sind: als ersten erreicht man vom Steinbachtal, durch welches die Landstraße von Liebenrode nach Steinsee führt, den rechts von der Straße gelegenen Opfersee (bei Eckstorm "Oppersee", von der Bevölkerung auch "Wiesensee" genannt). Darauf folgt das Grubenloch (bei Eckstorm "Eligegrabental"). Der Milchsee liegt, in einen tiefen Trichter gebettet, hinter dem letzteren. Das Wiedertäuferloch liegt abseits in Richtung Steinsee und der Röstesee auf der westlich vorgelagerten Höhe, dicht an der Straße nach Nordhausen. Die Schaukelstruth mit einer kleinen schwimmenden Insel befindet sich auf der anderen Seite dieser Straße.

Das Wiedertäuferloch bei Liebenrode (Südharz) im März 1979 Foto: M. Stampniok (2)

Gerade hier stellt man sich die Frage nach der Ursache für die Bildung solcher Erdfälle. Es hat zwar oft sicher Jahrhunderte gebraucht, bis unterirdisches Wasser die erdfallschaffenden Hohlräume ausbilden konnte, aber die Erdfälle selbst sind keineswegs immer Jahrhunderte alt: im Gegenteil, auch die jüngste Zeit weiß immer wieder vom Einsturz solcher Trichter zu berichten. So brach, nur 3 km südlich von den Liebenröder Trichterseen, am Rolandsberg bei Pützlingen, zwischen zwei um 1830 entstandenen Erdfällen im Jahre 1944 ein 50 m tiefer, schachtartiger Erdfall ein 9). Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist es zum Entstehen der Schaukelstruth gekommen, wie sich 1936 der Liebenröder Landwirt O. Schmidt erinnerte. Beim Abladen von Bodenmassen in einer ursprünglich flachen Senke ist plötzlich die Erde eingebrochen und Wasser von unten eingeströmt. Messungen sollen eine anfängliche Tiefe von 17 m ergeben haben 10). Wie auch bei den anderen Trichtern wird das Wasser - wenigstens bei der Entstehung - aus dem in geringer Tiefe anstehenden Gips gestammt haben, später dann aber infolge zunehmender Abdichtung der Trichtersohle mehr und mehr aus der Atmosphäre in die Becken gelangt sein. Härtemessungen bei den einzelnen Seen deuten darauf hin.

Der Röstesee bei Liebenrode (Südharz) im März 1979 von Westen

Der Gips spielt im gesamten Südharzraum für die Entstehung der Erdfälle und Trichterseen eine recht bedeutende Rolle. Das Karstwasser, das in den Einsturzbecken zum Austritt gelangt, entstammt bestimmten Einzugszonen des jüngeren Gipses. Vom Gebiet der Steina zieht sich entlang der nach Walkenried führenden Eisenbahnlinie eine starke, hercynisch gerichtete Störung bis zur sog. Clettenberger Verwerfung. Im Bereich der Störung versickert die Steina zum großen Teil. Unterhalb von Clettenberg geht diese Verwerfungszone in die Liebenröder Störungslinie über, in der sich auch die Trichterseen befinden. Da der jüngere Gips an diesen Punkten offen zu Tage liegt und im Untergrund der Erdfälle ausgelaugt ist, kann man sich den Verbindungsweg dieser Karstwässer gut vorstellen 11).

Wenn es auch für all diese Erscheinungen wissenschaftliche Erklärungen gibt, so bleiben unsere Erdfälle für die Bevölkerung doch immer etwas Geheimnisvolles. Hier trocknen Seen fast vollständig aus, dort entstehen neue. Auch periodische Seen gibt es, z. B. bei Obersachswerfen. Diese führen unabhängig von Witterung und Niederschlägen nur zu bestimmten, unregelmäßigen Zeiten Wasser. Im übrigen Jahr liegen sie trocken da. Allerdings gehören diese beiden periodischen Seen nicht zum Clettenberg-Liebenröder Einzugsgebiet und stehen mit diesem in keiner Verbindung.

Als kleines Naherholungsgebiet haben die Liebenröder Erdfälle immer wieder ihren eigenen Reiz. Durch Wege und Stege an den Rändern der Seen sind sie dem Spaziergänger erschlossen; man findet Holztische und Bänke, sogar ein kleines Häuschen zum Verkauf von Getränken. Wenn sie auch im größten Teil des Jahres einsam und versteckt zwischen hohen Laubbäumen daliegen, lohnt ihre landschaftliche Schönheit einen Spaziergang von den umliegenden Dörfern aus doch immer.

M. Stampniok
Anmerkungen und Quellen
Das Manuskript des Autors wurde mit dessen Einverständnis für die Veröffentlichung in dieser Zeitschrift geringfügig erweitert. Einige der im Manuskript wiedergegebenen Zitate nach Duval wurden vom Bearbeiter durch die ursprüngliche Quelle, nämlich eine Arbeit Eckstorms von 1620 (s. u.) ersetzt; die zitierten Textstellen wurden vom Bearbeiter aus dem Lateinischen übertragen. Ergänzt wurde ferner die daraus folgende Quellenkritik, der Hinweis auf den Pützlinger Erdfall und die Anmerkungen. F. Rb.
C. Duval: Clettenberg. - In: Thüringen und der Harz, mit ihren Merkwürdigkeiten, Volkssagen und Legenden. 5. Band, S. 172-182. Sondershausen 1841.
H. Eckstorm: Historiae terraemotuum etc., S. 163 - 165. Helmstedt 1620; G. H. Behrens: Hercynia curiosa oder curiöser Hartz-Wald, S. 93. - Nordhausen 1703, Neudruck Nordhausen 1899; J. B. v. Rohr: Merckwürdigkeiten des Oberharzes. S. 130 f. - Frankfurt und Leipziq 1739.
"orgiarum". Behrens übersetzt dies mit "Klafter" (?).
Duval, a. a. O. S. 174.
August Friedrich Gottfried Wernicke: Beiträge zur Geschichte des Ortes Clettenberg etc. - Mskr. 1837. Pfarrarchiv Liebenrode (DDR).
Eckstorm, a. a. O. S. 95 f.
Die möglicherweise auf einen Druckfehler zurückgehende seltsame Namensform haben Behrens und Duval 1. c. übernommen.
Friedrich Schuster: Tiefster Erdfall am Südharz. - In: Der Nordhäuser Roland, Sonderheft Ausstellung "Natur und Heimat", S. 61 - 79. - Nordhausen, Mai 1955.
10)Hugo Haase: Hydrologische Verhältnisse im Versickerungsgebiet des Südharz-Vorlandes, S. 190. - Inaugural-Diss. Göttingen 1936. - W. Halbfaß lotete 1902/03 die Tiefe einiger der Liebenröder Erdfälle aus. Danach war die größte Tiefe der Schaukelstruth nur 3 m, des Röstesees 12 m, des Wiedertäuferloches 8,5 m, des Grubenloches (bei Halbfaß "Grabenloch"!) 5,6 m und des Milchsees (bei Halbfaß "See westlich vom Grabenloch") 4,2 m. Vgl. W. Halbfaß: Über Einsturzbecken am Südfuß des Harzes. - Mitt. des Vereins f. Erdkd. Halle, 1902 - 1904.
11)Haase, a. a. O. S. 195.

Aus der Arbeit des Vereins für Heimatgeschichte Walkenried und Umgebung e. V.
Sonderdruck der Zeitschrift "Unser Harz" Nr. 10 / 1980