Das Arboretum des Forstamtes Grund

Die Bezeichnung »Arboretum« (neulateinisch »Baumbestand«) wird für Sammelpflanzungen in- und ausländischer Bäume sowie Sträucher verwendet, die der baumkundlichen Beobachtung und Auswertung dienen. Die größte Anlage dieser Art ist das Arnold-Arboretum der Harvard-Universität in Jamaica Plain in Massachusetts, USA.

Die standörtlichen Bedingungen
Das Arboretum des Forstamtes Grund erstreckt sich über eine Fläche von 120 ha. Es liegt nordwestlich des Ortszentrums von Bad Grund am südwestlichen Fuße des Winter- und Iberges und damit in unmittelbarer Nähe des westlichen Harzrandes. Nach Aufbau und Gestaltung der Erdkruste gehört das Gebiet geologisch jedoch zum Oberharz. Es liegt vollständig in der Clausthaler Kulmfaltenzone aus Tonschiefer, Grauwackenschiefer und Grauwacke. Bei diesen Gesteinen handelt es sich um Meeresablagerungen aus der Zeit des Karbon vor 250 Millionen Jahren. In dieser Epoche wurde die Erde hier zum ersten Mal aus dem Meer emporgehoben, das noch im Zeitalter des Devons vor 310 Millionen Jahren das ganze Gebiet des heutigen Harzes bedeckte. An dieses Meer erinnert auch der schon erwähnte Iberg-/Winterberg-Komplex nordöstlich des Arboretums. Dieser Kalkblock ist von Algen und Korallen aus dem Ober- und Mitteldevon aufgebaut worden und stellt damit einen Rest eines urzeitlichen Algen- und Korallenriffs dar.
Das Gebiet des Arboretums befindet sich in einer Höhe zwischen 305 und 448 m über NN. Von der Höhenlage her gesehen liegt es also in der Übergangsstufe zwischen Bergland und Hügelland. Forstlich wird sie bezeichnet als »Submontane Übergangsstufe von der montanen Buchenwaldstufe zur Eichenmischwaldstufe des Hügellandes«. Die natürliche Waldgesellschaft der submontanen Übergangsstufe ist der Perlgrasbuchenwald mit Traubeneiche. Typisch ist hier das gemeinsame Vorkommen von Buchenwald- und Eichenmischwaldarten. 
Wichtige Klimaelemente für das Pflanzenwachstum sind Temperatur und Niederschlag. Im Gebiet des Arboretums liegt die Jahresmitteltemperatur bei 7,5 - 8 Grad C, die Niederschlagswerte zeigen bei einer Menge von 1097 mm einen undeutlichen mittelgebirgstypischen Jahresgang mit einem Maximum im Juni und einem Minimum im Februar.
Auch die Bodenverhältnisse sind für das Pflanzenwachstum von großer Bedeutung. Unter dem Begriff »Boden« versteht man die mehr oder weniger fein verteilte krümelige Decke auf den Gesteinen der festen Erdrinde. Sie entsteht durch physikalische und chemische Gesteinsverwitterung, durch Umsetzungsprozesse der Kleinlebewesen des Bodens sowie durch zahlreiche Verlagerungsvorgänge. Im Gebiet des Arboretums ist die Bodendecke an den Hängen und in den Tälern mindestens 70 - 80 cm stark, auf den Gipfelflächen dagegen erreicht sie eine Stärke von höchstens 60 cm. Im kühl-gemäßigten Klima entsteht unter günstigen Bedingungen die sogenannte »Braunerde«. Sie tritt in Laub- und Mischwäldern der gemäßigten Klimazone von allen Bodentypen am häufigsten auf. Auch die Böden des Arboretums zählen zu diesen fruchtbaren Bodentyp, der sich durch ein erdiges, hohlraumreiches Gefüge auszeichnet. An den Hängen und in den Tälern wird er als »Saure Braunerde« angesprochen, auf den durch Abtrag und Abschwemmung bedrohten Kuppen als »Ranker-Braunerde« und in den Tälern mit höher anstehendem Grundwasser als »Parabraunerde« oder »Braunerde-Gley«. Die Parabraunerde gehört zu unseren ertragreichsten Waldböden mit gutem Wasserhaushalt. Gleyböden sind dagegen Naßböden. Sie entwickeln sich überall dort, wo das Wasser durch darunterliegende undurchlässige Schichten nicht versickern kann.
Einen wichtigen Einfluß auf das Vorkommen von Pflanzen und Tieren üben Faktoren aus, die durch die Geländeform bedingt sind. Hierzu zählt nicht nur die bereits erwähnte Höhe über dem Meeresspiegel, sondern auch Neigungsrichtung und Neigungswinkel des Geländes. Letzterer reicht im Arboretum von 0 Grad bis 30 Grad. Damit sind sowohl ebene Flächen vorhanden als auch solche, die als »steil« bis »sehr steil« bezeichnet werden können. Mit der Neigungsrichtung des Geländes ändert sich die Dauer der Sonneneinstrahlung und damit auch die Bodenerwärmung. Auf Nordhängen sind daher oft andere Pflanzen- und Tierarten anzutreffen als auf Südhängen. Im Gebiet des Arboretums kommen sogar alle Neigungsrichtungen des Geländes vor. 
Wegen ihrer standörtlichen Qualität und ihrer reichhaltig strukturierten Landschaft ist die für das Arboretum vorgesehene Fläche sehr gut für wissenschaftliche Studien an Bäumen und Sträuchern geeignet, denn sie bietet einer Fülle von Arten gute Wuchsbedingungen. Wegen ihrer Lage am Hauptzubringer zur Autobahn ist sie aber auch für Harzbesucher gut zu erreichen, die sich an der Vielfalt ihrer Pflanzenwelt erfreuen können.

Entstehung und Zielsetzung
Die ersten Planungen zur Anlage des Arboretums wurden durch die Sturmkatastrophe im November des Jahres 1972 zunächst unterbrochen und erst im Herbst des folgenden Jahres wieder aufgenommen. Die neue Planung konzentrierte sich auf eine etwa 20 ha große Freifläche, die durch den Sturm entstanden war. Außerdem wurden zur Aufgliederung des Geländes 11 km Wanderwege angelegt. Die ersten Anpflanzungen begannen 1975. Da zu diesem  Zeitpunkt der Gedanke an den Fremdenverkehr noch im Vordergrund stand, wurden Liegewiesen angelegt und viele Ziergehölze gepflanzt.
Heute sind dagegen forstliche Gesichtspunkte vorrangig. Im Arboretum des Forstamtes Grund will die Niedersächsische Landesforstverwaltung den Anbau fremdländischer Gehölze prüfen, denn von 6000 in Europa anbaubaren holzigen Pflanzen - darunter 1000 Baumartigen - wurden bisher nur 50 auf ihr Wuchsverhalten in unseren Breiten untersucht. Für das Arboretum gelten daher folgende Richtlinien:

  1. Es wird ausschließlich Saatgut und Pflanzenmaterial bekannter Herkunft verwendet. Wegen der Gefahr der Bastardisierung (Mischung verschiedenen Erbguts) ist die Verwendung von Saatgut aus Arboreten ausgeschlossen. Aus Baumschulen wird nur Pflanzenmaterial mit Herkunftsnachweis hinzugekauft.
  2. In vielen Arboreten werden zur Durchführung von Untersuchungen zur Baum- und Gehölzkunde Einzel- und Kleingruppenanpflanzungen vorgenommen. Hier interessieren vor allem die verwandtschaftlichen Beziehungen der Pflanzen zueinander. Im Arboretum des Forstamtes Grund werden dagegen Einzelbaumpflanzungen vermieden und statt dessen geschlossene Waldgesellschaften mit Nebenbaumarten und Strauchvegetation begründet. Es folgt eine Gliederung des Geländes nach Klimaregionen Nordamerikas und Eurasiens. Soweit es möglich ist, werden mehrere Herkünfte aus einem Verbreitungsgebiet eingeschlossen.
  3. Die Pflanzungen unterliegen der üblichen forstlichen Behandlung. Diese reicht von der Jungwuchspflege über die Durchforstung zwecks Auflockerung des Bestandes bis zum Einschlag des Altholzes.
  4. Alle 5 Jahre werden die Pflanzen vermessen. Außerdem erfolgt eine Einschätzung ihrer Güte nach äußeren Merkmalen und gegebenenfalls eine Aufzeichnung von Schäden.
  5. Die unter Punkt 4 aufgeführten Untersuchungen werden schriftlich lückenlos festgehalten.
Herkunft und Verteilung der Gehölze

Bis 1986 waren mit 65 ha etwa die Hälfte der Gesamtfläche des Arboretums mit fremdländischen Gehölzen bepflanzt. Die 75 000 Pflanzen gehören 480 taxonomischen Einheiten an (Taxonomie = Einordnung der Pflanzen und Tiere in ein biologisches System). Von den 480 Arten zählen 194 zu den Baumarten. Besonders groß ist die Artenvielfalt folgender allgemein bekannter Gattungen:

Tanne:30 Arten
Fichte:25 Artenzus. 77 Nadelbaumarten
Kiefer:22 Arten

Ahorn:14 Arten
Birke:10 Artenzus. 30 Laubbaumarten
Eiche:  8 Arten

Die Übersichtskarte zum Arboretum des Forstamtes Grund zeigt die Flächen, die die verschiedenen Pflanzengesellschaften einnehmen. Sie stammen aus drei Kontinenten. Den größeren Anteil der Flächen beanspruchen die nordamerikanischen und die asiatischen Pflanzengesellschaften. Die von den nordamerikanischen Pflanzengesellschaften eingenommenen Flächen trennen die Flächen der asiatischen Pflanzengesellschaften voneinander, die im Norden und Süden des Arboretums gelegen sind. Die europäischen und kleinasiatischen Pflanzengesellschaften liegen verstreut in den Flächen der Pflanzengesellschaften aus Asien und Nordamerika, jedoch hauptsächlich im Norden und Südosten des Gesamtgebietes. Im äußeren Nordosten und Süden befinden sich die vergleichsweise kleinen Flächen der südamerikanischen Pflanzengesellschaften. Die Einzelflächen der verschiedenen Pflanzengesellschaften sind mit Zahlen versehen. Sie stehen für Pflanzengesellschaften bestimmter Regionen der verschiedenen Kontinente.
Die Bedeutung der Zahlen ist der Legende zur Übersichtskarte zu entnehmen.

 
1Europäische und kleinasiatische Pflanzengesellschaften
1.1Alpinum
1.2Heidefläche
1.3Kaukasus, Kleinasien
1.4Kaukasus, Kleinasien, Südeuropa
1.5Zedern-Tannenwald im Taurusgebirge (Südtürkei)
 2Asiatische Pflanzengesellschaften
2.1
Ost- und Mittelasien
2.2
Korea
2.3
UdSSR
2.4
Japan
2.5
Laubwälder Japans
2.6
Nadelwälder Japans
2.7
Himalaja
2.8
China
2.9
Insel Sachalin
 
3Nordamerikanische Pflanzengesellschaften
3.1Nadelwälder des westlichen Nordamerika
3.2Laubwälder des westlichen Nordamerika
3.3Halbfeuchte Nadelwälder des westlichen Nordamerika
3.4Boreale Nadelwälder Nordamerikas, die sogenannte »Taiga«, die sich durch ganz Sibirien über Skandinavien bis Schottland erstreckt und sich in Nordamerika fortsetzt
3.5Laubwälder des östlichen Nordamerika
3.6Boreale Nadelwälder des östlichen Nordamerika, ebenfalls »Taiga« wie 3.4
  4  Südamerikanische Pflanzengesellschaften

 

Ausblick
Abschließend soll noch einmal auf die beiden Funktionen des Arboretums im Forstamt Grund hingewiesen werden:

  1. Es stellt einen Anbauversuch mit fremdländischen Pflanzen dar. Im Falle eines erfolgreichen Abschlusses kann er bei der einen oder anderen Pflanzenart zu einem späteren Anbau im Wald führen und ist somit zum forstlichem Nutzen.
  2. Durch die Mannigfaltigkeit der Pflanzenwelt auf verhältnismäßig kleinem Raum stellt es eine Attraktion für den pflanzenkundlich interessierten Touristen dar.


Nachwort
In aller Stille ist in den letzten 15 Jahren in dem Arboretum bei Bad Grund ein landschaftliches Juwel herangewachsen, dessen Bedeutung für die forstliche Wissenschaft und Praxis, aber auch für den Harzer Fremdenverkehr wahrscheinlich erst nach vielen Jahren oder Jahrzehnten in vollem Umfang gewürdigt werden kann. Der geistige Vater und Initiator dieses großen Projektes war Landforstmeister Dr. Heinrich Kiesekamp, der beim Regierungspräsidenten in Hildesheim als forstlicher Inspektionsbeamter von 1969 bis 1975 für diesen Teil des Harzes zuständig war. Nachdem der Niedersächsische Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten 1971 seine Zustimmung gegeben und die erforderlichen Haushaltsmittel bereitgestellt hatte, lag die Verwirklichung des Vorhabens in den Händen des Leiters des Forstamtes Grund, Forstoberrat Gerd Wüsteney, der sich dieser Aufgabe bis heute mit großem Engagement und Geschick gewidmet hat. Ein botanischer Garten für Bäume und Sträucher in dieser flächenmäßigen Größenordnung ist nicht von heute auf morgen aus dem Boden zu stampfen. Es ist eine Arbeit für Generationen, zumal dann, wenn er nicht auf der »grünen Wiese«, sondern durch behutsame und stufenweise Umwandlung vorhandener älterer Waldbestände entsteht [...].

(Dr. Albrecht von Korzfleisch 1987)


Textquelle und Plan:
RAMISCH, Heinke (1987): Das Arboretum des Forstamtes Grund.- Unser Harz 35(9):163-167, Clausthal-Zellerfeld

Fotos:
Detlef Tront, 2005